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Wissenschaft

Joch des Seins
Joch des Seins

Andreas L. Hofbauer

Joch

Nicht durch Natur und ihre Fährnisse wurde Domestizierung erzwungen und der ökonomische Schrein ermöglicht. Tempel- und Totenkult, Opferung und Verteilung des Fleisches – noch für Homer sind alle Schlachttiere hieria, heiliges Vieh – und die Einhegung der Wildheit produzieren symbolischen und soziokulturellen Wandel, der für sesshafte, nahrungsproduzierende Gemeinschaften zu Vektor und Motor wird. Nicht Schafe, Ziegen oder Rinder domestizierte man im Anfang, sondern das zoon logon echon selbst war es, das sich vor und unter dem selbstgeschaffenen Kult-Joch verneigte. Warum,...
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Aktuelle Texte

Dieter Mersch

Digital Disrupture

Theorien des Digitalen beziehen ihre Konjunktur aus einer zweideutigen Lage. Zum einen besitzen sie ihre Herkunft in den Visionen und Utopien der gegenkulturellen Aufklärung der 1970er Jahre, aus denen nicht nur der Personal-Computer, sondern auch die Medienwissenschaften und Medientheorien hervorgegangen sind, die den digital disrupture theoretisiert und unter Reflexion gestellt haben und nach deren Diagnose wir vor einer ebenso nachhaltigen Zäsur stehen wie die frühe Neuzeit mit der Erfindung des Buchdrucks. Alle Zeichen und Inhalte bisheriger Kulturen stehen damit auf dem Prüfstand, werden transformiert und von einer Entwicklung überholt, deren weitere Dynamik kaum absehbar ist. Die mit der Digitalisierung verbundene technologische Wende, so die allgemeine Analyse, werde alle Lebensverhältnisse dermaßen verändern und von Grund auf durchschütteln, dass mit Marshall McLuhan und dessen zusammen mit Quentin Fiore verfassten Buch, dessen Titel ironischerweise nicht lautet: The Medium is the Message, sondern The Medium is the Massage, von einer gründlichen ›Massage‹ des gegenwärtigen...

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Themen
  • Farbe und Bedeutung

    Farbe und Bedeutung

    Who is afraid of Red, Yellow, Blue…?

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Aktuelle Texte

Maria Filomena Molder

»So viele Egoisten nennen sich selbst Autoren…«

»So viele Egoisten nennen sich selbst Autoren«, schrieb Rimbaud am 15. Mai 1871 an Paul Demeny. Auch wenn es nicht immer offensichtlich scheint, ist »Ich«, die erste Person, zugleich die unbekannteste Person, ein Geheimnis, das sich ständig auf die anderen beiden, die zweite und die dritte Person, zubewegt, eine Reihe von Entfaltungen und Brüchen, die irgendwann zu »Je est un autre« verklumpte. Deshalb ist »apokryph« ein literarisch irrelevanter Begriff und »pseudo« ein Symptom, der schlagende Beweis, dass das Leben, das Schreiben, aus Echos besteht, was wiederum bedeutet, dass Einschaltungen und Diebstähle (auch dies spricht Borges an) stets das täglich Brot derjenigen sein werden, die schreiben.

Die Worte anderer, entstellte und verstümmelte Worte: Sie sind die Almosen der Zeit, die einzige Wohltat dieses Verschwenders. Und so viele andere, zumeist andere, die schrieben, und viele andere Seiten, allesamt apokryph, allesamt Echos, Spiegelungen. All dies fließt in den letzten Worten zusammen, die – zwei...

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Jean-Luc Nancy

Des zétrangers des zah des zuh

Fremdartiger extraneus von draußen nicht von drinnen (intraneus) nicht von zu Hause unheimlich nicht von daheim
vor den Toren – fores foreigner nicht im Einklang zu viel odd irregulär nicht normal selten sonderbar seltsam merkwürdig besherat tapfer elegant eigensinnig durchgedreht verschroben falsch frappierend ungewöhnlich erstaunlich

 

Es ist erstaunlich wie reich wir sind an Wörtern Formen Weisen die um das seltsam Fremde des Ausländers kreisen der nicht unser Landsmann ist pas pays avec nous wie man früher in Frankreich sagte c’est un pays à moi für jemanden aus meinem Dorf meiner Gegend meiner Provinz meinem Nest

 

Reich im Übermaß für alles was nicht nah und eigen geeignet passend mitmenschlich ist kein Mitdasein

 

Denn wir nehmen an dass mit avec with stimmig gehaltvoll solide und solidarisch ist und dass das was without avecsans mitohne ist außermittig oder außermitmenschlich

 

Aber »mit« »selbig« »nah« verlangt das Abrücken das Außen

 

»Wenn man eine solche Frau hat, lässt sich auch in Berlin leben.«
»Wenn man eine solche Frau hat, lässt sich auch in Berlin leben.«

Maria Zinfert

Lili Kracauer. Eine biographische Skizze

»Wenn man eine solche Frau hat, lässt sich doch auch in Berlin leben«, bemerkt Ernst Bloch im Sommer 1931 in einem Brief an den Freund Siegfried ­Kracauer.1 Die Frau, um die es hier geht, ist keine andere als Lili Kracauer. Mitte der 1920er Jahre hatte sie Kracauer in Frankfurt am Main kennengelernt und war mit ihm nach ihrer Heirat im März 1930 nach ­Berlin übergesiedelt. Weitere Stationen des gemeinsamen Lebens waren Paris und – nach ihrer Flucht vor den Deutschen...
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Aktuelle Texte

Wolfram Ette

Das Uneingelöste der realexistierenden Universität

Die unsichtbare Universität hat es schon immer gegeben; was nottut, ist ihre Anerkennung; das Bewusstsein, dass die Universität heute vor allem nichtinstitutioneller Natur ist. Die unsichtbare Universität bewegt sich quer durch die gesellschaftliche Wirklichkeit, wird hier und dort für kurze Zeit verkörpert, um alsbald wieder zu verschwinden. Sie kann in Zeitungsredaktionen ebenso entstehen wie im Theater oder in Filmprojekten, im Internet ebenso wie in öffentlichen Diskussionen, in einer Psychotherapie ebenso wie in der Forschungsabteilung eines Unternehmens. Sie ist überall dort zu Hause, wo sich die Leidenschaft für die Sache mit der Fähigkeit, sich selbst als bedürftiges und begehrendes Wesen zu reflektieren, paart. Überall dort ist von ihr zu reden, wo Menschen ihre Erfahrungen zu einem kollektiven Körper zusammenfügen, wo KOLLEKTIVE INTELLIGENZ entsteht. Die einzige Voraussetzung dafür ist, dass sie in dem Versuch miteinander reden, den Riss, der unser Dasein bestimmt (Riss zwischen »Oben« und »Unten«, »Himmel« und »Erde«, »Rationalität« und...

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Aktuelle Texte

Robert Stockhammer

Welche Globalisierung im Bologna-Prozess?

Zu den clichés der Kritik an der »Bologna-Reform« gehört, dass sie die Mobilität von Studierenden, statt befördert, sogar behindert haben. Falls dies zutreffen sollte, so läge es nicht an der Erklärung von 1999 selbst, sondern daran, dass sie allzugut in den Trend zur Ökonomisierung (↑ Austauschbarkeit) und Beschleunigung von Bildung passte. Wer trotzdem noch bereit ist, während eines BA-Studiums ein Semester zu (wie man dazu heute sagt) »verlieren«, kann, wenn die Zuständigen an der Heimatuniversität einigermaßen mitdenken, sehr gut ein Auslandsjahr einlegen. Schwieriger allerdings kann es sein, einfach an eine andere Universität in nächster Nähe zu wechseln. Und dies ist in der Tat ein Effekt der Globalisierung, wenn man darunter (im Einklang mit vielen neueren Definitionen) versteht, dass Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen verschiedenen Lebensverhältnissen sich immer weniger proportional zur geographischen Entfernung verhalten: Man kommuniziert via neuerer Medien vertraut mit seinen Freunden in Japan, kennt aber seine Nachbarn nicht. Dementsprechend kann es...

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