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Subjektivierung und Authentizität

Felix Stalder

Feedback als Authentitzität

Veröffentlicht am 03.12.2019

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Im Begriff der Authentizität steckt der Begriff des/der Autor_in, im Sinne von Urheber_in. Authentisch ist etwas, das den Akt der originären Kreation berührt, ein Punkt der konventionellerweise in der Vergangenheit verortet wird. Eine Landschaft oder ein Brauch gelten dann als authentisch, wenn sie seit ihrer Entstehung möglichst unverändert geblieben sind. Ein Kunstwerk, sagen wir ein Bild von Rembrandt, gilt dann als authentisch, wenn die direkte, physische Bearbeitung durch den Künstler nachgewiesen werden kann und wenn danach das Werk nicht mehr verändert wurde. Diese essentialistische Definition von Authentizität spiegelt zwei Dinge wider. Zum einen eine Kultur, die Bedeutungsfragen über physische Objekte organisiert und für die deshalb die historische Verortung dieser Objekte von besonderer Bedeutung ist. Zum anderen verweist sie auf die Schwierigkeit der Bewahrung physischer Objekte, angesichts der Entropie der Zeit, von Krieg und Zerstörung, von ihrer ständigen Ab- und Umnutzung in wechselnden historischen Kontexten. All diese Dinge zu überstehen, authentisch zu bleiben, ist eine Seltenheit und deshalb bedeutungsvoll.

Unter Bedingungen der Digitalität gestaltet sich Authentizität jedoch vollkommen anders. Im Zentrum steht weniger die Bewahrung von Authentizität, deren Wahrhaftigkeit sich aus einer materiellen Verbindung mit der Vergangenheit herleitet, sondern die performative Neuerschaffung von Authentizität in der Gegenwart. Diese Veränderung zeigt sich sowohl in der Verhandlung von Bedeutung wie auch den Mustern der Subjektivierung.


Referentialität, Konnektivität und Kultur

Kollektive Verhandlung von Bedeutung bringt Kultur hervor. Sie umfasst die Summe der Prozesse, mit denen kleine wie grosse Gruppen einen mal stabileren, mal brüchigeren Konsens darüber erzielen, was für sie richtig und falsch, wichtig und unwichtig, schön und hässlich, begehrenswert und verabscheuungswürdig ist, kurz gesagt, wie ihre Mitglieder angesichts unterschiedlichster Möglichkeiten konkret leben sollen. Kultur ist, wie Egon Friedell feststellte, der »Reichtum an Problemen«, der Raum jenseits der nackten Notwendigkeit. Die Verhandlung dieser Probleme ist immer im Fluss, an unterschiedlichen Stellen in unterschiedlichen Geschwindigkeiten und nie widerspruchsfrei. Jeder vermeintliche Konsens schafft Gewinner_innen und Verlierer_innen und wird von den Letzteren mal impliziter oder expliziter in Frage gestellt. Früher oder später werden diese versuchen, den Konsens in ihrem Sinne zu verändern. Dieser Prozess kann friedlich oder gewalttätig ablaufen.

Die Voraussetzungen, unter denen heute diese Arbeit geleistet werden muss, ist nicht mehr primär von der Schwierigkeit geprägt, besonders bedeutungsvolle materielle Objekte vor der historischen Erosion zu bewahren. In den Vordergrund gerückt ist die Herausforderung, aus einem chaotischen, höchst dynamischen Überfluss der Zeichen sinnhafte Zusammenhänge zu konstruieren. Hierbei stellt sich das Problem, dass der chaotische Überfluss...

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Felix Stalder

ist Professor für Digitale Kultur und Theorien der Vernetzung und forscht zum Wechselverhältnis von Gesellschaft, Kultur und Technologien. Er leitet das Forschungsprojekt »Creating Commons«, das künstlerische Projekte untersucht, die freie Ressourcen generieren, ist Gründungsmitglied der künstlerischen Forschungsplattform »Technopolitics« und im Vorstand des World Information Institutes, beides in Wien.
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