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Was ist ein Autor?

A. L. Kennedy

Was ist ein Autor?

Übersetzt von Sabine Schulz

Veröffentlicht am 02.12.2019

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Was ist ein Autor?

DIE, die den Amphetaminträumen allerorten den Puls fühlt, die schreiende Schlagzeilen ätzt, um das Fieber zu schüren. Die allmorgendlich eine Dosis Paranoia zubereitet, den abgründigen Furor noch ein wenig hochdreht. Wenn alles in Flammen steht, dann weißt du – eine Autorin ist als Erste dort gewesen, hat Worte genommen und sie in Scheiße getunkt, Bedeutungen ins Gegenteil verkehrt und geistige Gesundheit neu buchstabiert.


DIE den Winzlingen und Wütenden ihre Reden schreibt. Die jede Forderung, jede Anspruchsäußerung in ein Gedicht strahlender Großzügigkeit gießt. Wenn du die eigene Sicherheit in den Wind schießt und dich in die Hände von Psychopathen begibst – dann hat eine Autorin dir eingeflüstert, dass du überleben wirst, eine Autorin verfasste jene denkwürdigen Phrasen, die die leichtsinnige Luft verklumpten, während schmierige Finger das Rednerpult umklammerten und ein Monster über eine Menschenmenge hinwegblickte und nichts sah als Nutzvieh, als Beute.


DIE, die Kaleidoskopbrillen fertigt zur Betrachtung gefallener Führer. Die den Clown zum Verschwinden bringt und den Schatten eines Königs schafft. Hohle und furchtbare Menschen sind ohne ihren Überzug aus Worten schlechthin nichts. Wenn du erwachst und merkst, dass dir die Rechte weggenommen wurden – dann hat eine Autorin den Diebstahl erleichtert.


DIE Gerüchte verbreitet: Wer hat was getan, wer denkt was, wessen Wesensnatur steht der deinen unversöhnlich entgegen. Wenn die Wirklichkeit sich verzerrt wie ein hässliches neues Lied und du dich fürchtest, mit Fremden zu sprechen, Fremde anzusehen, wenn du das Gefühl hast, auf der Straße in Gebrüll ausbrechen, dich bewaffnen zu müssen – so war da eine Autorin, die dich dazu gebracht hat.


DIE, die das Narrativ anfertigt, dass alles, was man von der menschlichen Natur wissen kann, Enttäuschung bedeutet, die Perversionen artikuliert, die Eifersucht, Feigheit, immerwährende Bosheit befeuert. Wenn dir erzählt wird, was bei irgendwem unter der Bettdecke abgeht, vom verborgenen Sumpf in den Köpfen anderer, von den Schmutzflecken, die jedes Motiv entweihen, wenn du Hilfe weder erwartest noch auch nur im Traum daran denkst, anzubieten – so schrieb eine Autorin Worte, die dich an diesen Ort geführt haben, diesen leeren, einsamen Ort.


DIE von Freunden, Geliebten, Familienangehörigen stielt, eine papierne Welt mit den Bruchstücken eigens zugestandener Privatsphäre bevölkert, die die Welt beobachtet und sie frisst, weil sie Stoff ist, sonst nichts. Wenn es nie um Erfindungsgabe geht, wenn sich die Tastatur nichts als Wirklichkeitsfetzen zweiter Hand herauspickt. Wenn alte Rechnungen beglichen werden und Rache als süße Melodie daherkommt, wenn Neugier gestohlene Erfahrungen lebendig seziert und du hinter jedem Satz vernimmst, mach nichts Neues, bloß keine Veränderungen, trachte nicht nach mehr, sei nicht mehr – dann war das eine Autorin.


DIE, die Bildschirme mit schönen Menschen und ihren unwiderstehlichen Erfolgen füllt, die dramatische Vorführungen derer liefert, denen nichts gelingt, die nicht moralisch überlegen sind und nicht geliebt werden können – all die Farben und Klassen jener Menschen, die nie genügen können. Wenn jedes Wort eine kraftvolle Aussage darüber ist, wer es wert ist und wer nicht – dann hat eine Autorin das formuliert, es zu einer Fiktion gemacht, die man als Faktum missdeuten könnte.


DIE die Menschlichkeit herausschneiden kann. Wenn unsere Bildschirme und Endgeräte uns prachtvollen Mord zeigen, niedliches Blutvergießen, inhumanes Menschentum, enttäuschende Handpuppen, die aus blankem Dreck bestehen – so war eine Autorin beteiligt an der Herstellung dieser hämischen Demonstrationen unserer Welt, der die Barmherzigkeit entfernt wurde.


DIE, die jeglichem Problem ausweichen, die einen öffentlichen Diskurs mit Zerstreuung füllen kann. Wenn blankes Leiden herrscht, das den Leidenden selbst zugeschrieben wird, wenn die Welt in Flammen steht und wir weitere Feuer legen – so hat eine Autorin uns dies als hinnehmbar verkauft.


DIE, die dorthin geht, wohin du nicht gelangst und nie gelangen wirst, und mit Informationen zurückkehrt, die dir, tief wie Erinnerung, Persönlichkeit einschenkt. Wenn du das Leiden des Anderen verstehst, das Körnchen Wirklichkeit, die Physik der Existenz – dann hat eine Autorin dir dazu verholfen.


DIE aus Nichts Etwas macht, Natur und Verfall anficht und in jedem einzelnen Wort gleichsam einen Triumph zum Ausdruck bringt, die Ereignisse schafft, die nie geschehen sind, unter der Voraussetzung, dass diese Lügen Lügen sind, deiner Erfahrung zugänglich gemacht und dazu gedacht, dem Leben Leben hinzuzufügen. Wenn du dich selbst so weit hinter dir lässt, die Worte des Anderen zu schmecken, sie hineinzulesen, durch sie zu atmen, mit fremden Augen zu schauen – dann hat eine Autorin dies möglich gemacht.


DIE, die überflüssige Schönheit herstellt, Worte zusammenfügt und Musik erschafft, sie dir als ungeahntes Geschenk in den Kopf setzt. Wenn Lyrik dich in Entzücken versetzt, du auf Buchseiten Gesellschaft findest und Transzendenz in Theatern, Performances – dann hat eine Autorin dir dies verschafft.


DIE es schafft, dass die Imagination sich unermüdlich kraftvoll und wirkmächtig zeigt. Wenn du das Buch niederlegst, mit Schauen, mit Zuhören fertig bist und dich besser fühlst, getröstet, mit neuer Hoffnung – dann hat dir das eine Autorin gegeben.


DIE, die die Menschennatur kommentiert und inventarisiert. Wenn die Konflikte und Vielschichtigkeiten, die andere bewegen, dich nicht vor den Kopf stoßen, sondern du auf sie gefasst bist, wenn Charakterschattierungen etwas sind, was sich dir erschließt, wenn du wachsam für menschliche Monster bist und froh über menschliche Helfer, wenn du in der Lage bist, einen Kanon an Erwartungen an deine Spezies zu formulieren und an dessen Einlösung mitzuarbeiten – dann haben Autorinnen dir unterwegs Gesellschaft geleistet.


DIE die Zwischenräume zwischen den Wörtern gestaltet, um dich einzulassen. Wenn du dich an reiner Kunstfertigkeit erfreuen kannst, an der Würde des Handwerks unter dem Ausdruck, Mund zu Mund, Atem zu Atem, Geist zu Geist – dann hat eine Autorin darauf hingearbeitet, dir dies zu verschaffen.


DIE dich daran gemahnt, dass die anderen ebenso kostbar und schrecklich sind wie du selbst. Wenn du diese veränderliche Erzählung deiner selbst erkennen kannst, deines Sinns, deiner Fähigkeiten – wenn du dies anderen schildern kannst, mit ihnen fühlen, Gründe finden, sie auf ihrer Reise zu unterstützen, wenn du sterben würdest, um einen anderen vor Leid zu bewahren – dann hat eine Autorin dir geholfen, dies für einen Wert zu halten.


DIE, die Geschichten deiner Spezies erzählt, welche sie auf ihrer Reise begleiten und sie bestimmen, im Guten wie im Schlechten. Wenn Worten eine Spur Unsterblichkeit innewohnt, ein Antippen mit der Hand quer durch die Zeiten, wenn eure Gesetze eine Geschichte schreiben über bewahrte Stabilitäten, Sorge für die Schwachen, Verantwortung für den Ausgleich der Rechte – dann haben Autorinnen, ein klares Ziel vor Augen und voller Hoffnung, sie niedergeschrieben.

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A. L. Kennedy

1965 im schottischen Dundee geboren, zählt zu den wichtigsten zeitgenössischen englischsprachigen Autorinnen. Sie wurde mit zahlreichen wichtigen Literaturpreisen ausgezeichnet, unter anderem 2016 mit dem Heinrich-Heine-Preis. Auf Deutsch ist zuletzt ihr Roman Süßer Ernst (2018) erschienen, auf Englisch ihr Roman The Little Snake (2018).