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Marcus Quent

Ohne Halt

Veröffentlicht am 21.04.2017

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Die Allgegenwart der Kritik, ihre Dominanz in Gestalt von Themen, in Gestalt von Verhaltensweisen und Bekenntnissen, ist ein erstes Anzeichen für die Abwesenheit kritischen Denkens.

In akademischen Kreisen dominiert gegenwärtig eine regelrechte Inventarisierung und Archivierung der Kritik, eine fleißige Verwaltung des kritischen Hausrats. Hier begegnet man allerlei Relevanzprüfern und Erbschaftsverwaltern, die das Brauchbare vom Unbrauchbaren trennen und die Familienzugehörigkeiten überwachen. Kritik erstarrt, weil sie in ihren Händen oft nicht mehr ist, als der beliebige Gegenstand eines enzyklopädischen Interesses. Dieses leidenschaftslose Interesse, das von keinem Impuls geleitet, von keinem Affekt getrieben wird, kennt nichts Liebens- oder Hassenswertes. Auf der anderen Seite drängen sich vermeintliche Gegenspieler in den Vordergrund, die meinen, die Kritik als ein rein evaluatives und optimierendes Unternehmen entlarven zu können. Hier sind es nicht Aktualitätsbescheiniger und Treuhandwächter, mit denen man es zu tun bekommt, sondern juvenile Rebellen und halbstarke Aufschneider. Sie verkünden mit antiakademischen Volten, die doch mitten in der Akademie entspringen und einzig in deren Dunstkreis eine Wirkung entfalten, ein vermeintlich neues Zeitalter abseits der Kritik.

Lenkt man den Blick wiederum auf die politischen Subszenen (die reaktionären Hauptströme der Gesellschaft interessieren uns hier nicht), so wird man gewiss anderen Gestalten begegnen, doch die Lage ist deshalb nicht wesentlich angenehmer. Bei all jenen etwa, die sich in ihrer politischen Arbeit dem buntscheckigen Spiel der Lebensformen widmen, die Politik als differenzierten Ausdruck von neu erschaffenen Identitäten begreifen, stellt die Identifizierung des Bösen der Welt bei gleichzeitiger Versicherung der Gutartigkeit des eigenen Lebensstils häufig die Schwundform des kritischen Denkens dar. Was einmal Kritik hieß, ist in ihrem Umkreis herabgesunken zur verkehrten Logik des Respekts, zur Banalisierung von Kommunikation und Sprache, und letzten Endes zur Ersetzung der Politik durch Moral. Ihnen gegenüber stehen die letzten, aufrechten Fundamentalkritiker, die mit dem Business nichts zu tun haben wollen und ihren Rückzug schon als Leistung verstehen. Im Rückzug auf die Autorität des Vordenkers verkünden sie in sauertöpfischer Manier die unumstößliche Wahrheit kritischer Erkenntnisse, die sie konservieren.

Angesichts dieser Tendenzen besteht die erste Maßnahme des kritischen Denkens in einer doppelten Zurückweisung: sowohl der akademischen Scheindebatten als auch der politisch-moralischen Spiegelgefechte. Man muss sich vom selbstgenügsamen Interesse an der Tradition der Kritik ebenso lösen wie von den pseudoinnovativen Versuchen, das kritische Denken zum alten Eisen zu legen. Fernhalten muss man sich aber ebenso von den politischen Platzwärtern, die sich entweder mit kulturalistischen und relativistischen Positionen vom Denken abwenden oder anderseits im Abseits und Exil die wahre Gestalt kritischer Theorie zu verkörpern vorgeben.

Muss man nicht stattdessen, auch wenn es kontraintuitiv erscheint, auf eine Beständigkeit des kritischen Denkens wetten? Gibt es nicht jenseits von Debatten, die sich um den Beweis einer Aktualität oder Inaktualität der Kritik bemühen, und abseits der Geschäftigkeit von brachialen Kritiker-Cliquen, eine eigentümliche Kontinuität jener flüchtigen Bewegung, die sich verwandelnd und erfinderisch auf gegebene Positionen und bestehende Konflikte auswirkt, und von der zumeist eher die Ab- und Umwege des Denkens zeugen? Gewiss, ein solches Denken gibt weder ein gutes Forschungsobjekt ab noch hilft es bei der Ausarbeitung eines politischen Programms. Es äußert sich vielmehr situativ, folgt Impulsen. Es akzeptiert weder eine Methodenlehre noch fühlt es sich einer Schule verpflichtet. Oft findet es seinen Umschlagplatz eher in der Arbeit von Einzelnen. Kritik als Gegenstand eines professionalisierten Denkens ist demgegenüber selten ein Zeichen für die Aktivität eines kritischen Denkens. Dass man sich gegenwärtig vermehrt mit Kritik beschäftigt, die Kritik wie einen Gegenstand behandelt, der wie andere gegeben ist, zeugt eher von seiner Abwesenheit.

Der kritisch-reflexive Opportunismus und die gebieterische Orthodoxie der Maximalkritik sind heute die beiden vorherrschenden Typen der Kritik, die, selbst wenn sie sich hin und wieder feindlich gegenüberstehen mögen, in ihrer Dünkelhaftigkeit übereinkommen. Während die erste Haltung in ihrer kontextfixierten Pedanterie die eigene Ideenlosigkeit mit denunziatorischen Praktiken zu verbinden weiß, teilt die zweite, die sich frei von Ideologie wähnt, oft im Namen der Wahrheit nach allen Seiten Schläge aus, obwohl sie sich doch nur melancholisch an ramponierte Ideale klammert. Beide geben vor, mit dem Schmutz der Welt nichts zu tun zu haben. Beide gleichen sich darin, bei maximaler Risikoarmut allen voran an der Selbstbestätigung zu arbeiten. Oft bleibt noch dort, wo die Bedingtheit und Abhängigkeit des Subjekts kritisch herausgearbeitet wird, ein, sei es in moralischer oder in politischer Hinsicht, gepanzertes Subjekt das einzige Ziel.

Wovon zeugen die emsige Arbeit an der eigenen Unangreifbarkeit und die Inszenierung des eigenen Unbeteiligtseins, wenn nicht von einer Verkümmerung der Einbildungskraft und einer Lähmung der Affekte? Gering ist die Bereitschaft, etwas zu entdecken, was nicht bereits im Vorhinein vertraut war, etwas zu artikulieren, was über die Vermittlung von abgesicherten Erkenntnissen hinausgeht, und etwas zu tun, was mehr ist als das Befolgen von Verhaltensregeln. Eine der vordringlichsten Fragen, die uns interessieren sollte, lautet deshalb: Sind die Kritikerinnen und Kritiker von heute bereit, gegen ihre eigenen Dogmen zu verstoßen?


Geht man von dieser knappen und gewiss unzureichenden Darstellung der gegenwärtigen Typologie der Kritik aus, von der Vorherrschaft der Kritik als Gegenstand, als Autorität oder als Gesinnung, muss man sich fragen, was demgegenüber die Bewegung des kritischen Denkens ausmacht.

Kritisches Denken, das sich darin erschöpft, gegebene Positionen zu befragen, bestehende Konflikte zwischen Parteien auszuhandeln, ist keines. Stets vollzieht das kritische Denken eine Auflösung von Positionen und Parteien, die mehr ist als deren bloße Zerstörung. Sofern man zulässt, dass sich die Kritik mit einem Denken berührt, wird diese Auflösung eine Erfindung oder Verwandlung des Feldes vorbereiten, auf dem die Positionen und Parteien bislang verzeichnet wurden. Die erste Operation der Kritik besteht stets darin, dort einzugreifen, wo die Konfrontation zwischen gegebenen Positionen trügerisch ist, weil das Feld, auf dem die Positionen gegeneinander in Stellung gebracht werden, falsch konstruiert ist. Eine solche Auflösung, die eine Erfindung oder Verwandlung vorbereitet, wird auch auf eine eigene Position keine Rücksicht nehmen, sich nicht an eine eigene Position halten können. Wenn es im Prozess der Kritik so etwas wie die Entwicklung einer eigenen Position gibt, so ist sie allenfalls geglücktes Nebenprodukt, nicht Gegenstand und Zielpunkt kritischen Denkens. Immer dann, wenn man sich hingegen auf die Erhaltung einer Position ausgerichtet, sich in eine Position verbissen hat, immer dann also, wenn man sich einer Partei zugehörig fühlt, hat man das Denken preisgegeben.

Um das Gegebene auflösen zu können, um es zu verwandeln oder zu erfinden, muss man sich bereits ein wenig vom Gegebenen entfernt haben. Die ganze Problematik des kritischen Denkens hängt mit diesem Abstand zusammen, mit dem Maß oder vielmehr der Maßlosigkeit dieser Distanz. Seine schwierige Aufgabe besteht darin, eine Auflösung und Verwandlung herbeizuführen – ohne dabei selbst von einer Position auszugehen oder zu einer Position hinzuführen. Gleichzeitig aber setzt jede kritische Operation, da sie von einer Distanzierung abhängt, ein Mindestmaß an Selbsterhaltung voraus, auch wenn sie sich letzten Endes gegen die Selbsterhaltung wendet. Nimmt sich das Subjekt der Selbsterhaltung jedoch aus der kritischen Bewegung aus, hält es sich also an seinem alten oder neuen Platz, wird die Kritik nicht mehr gewesen sein als eine weitere Episode des selbstreflexiven Spiels oder der endlosen Konfrontation von Positionen. Man kann dies die ausweglose Situation des kritischen Denkens nennen, das letztlich an sich keinen Halte- oder Ruhepunkt duldet, keinen Stillstand kennt, sondern immer nur Unterbrechungen und Abbrüche erfährt. Die Frage, die sich an der kritischen Bewegung entzündet, lautet: Wie kann man sich von etwas Gegebenem distanzieren ohne sich auf eine weitere, eine andere Position zu berufen, auf ein wiederum Gegebenes also, das jedoch allein der Kritik ihr notwendiges Quantum an Orientierung und Solidität sichert?

Will sie mehr sein als bloße Inspektion und Revision, als ein Bestandteil der Konfrontation von Positionen, muss die Kritik einen Bezug zur Idee herstellen. Man kann dies – um zwei unliebsame Begriffe ins Spiel zu bringen – den affirmativen und konstruktiven Anteil der Kritik nennen, der unausweichlich ist und dennoch weder einem bloßen Affirmativismus noch einem reinen Konstruktivismus den Weg bereitet. Affirmativ ist das kritische Denken nicht etwa, weil es das Bestehende bestätigt, sondern weil es sich der Idee anvertraut, die immer über die Negation des Gegebenen hinausreicht. Konstruktiv wiederum ist das kritische Denken nicht, weil es dadurch eine neue Position hervorbringt und zum Gegebenen hinzufügt, sondern weil es mithilfe der Idee die Positionen in Bewegung versetzt und ein neues Feld erschafft. Affirmation und Konstruktion der Kritik sind nicht auf Positionen und Parteien zurückzuführen, sie beziehen ihre Kraft vielmehr durch einen Bezug zur Idee. Positionen und Parteien versuchen Ideen zu regulieren; Ideen setzen Positionen und Parteien frei. Kritisches Denken, das einen Bezug zur Idee herstellt, führt allenfalls in zweiter Instanz zu neuen Positionen und Parteien. Niemals aber, so viel ist sicher, hat es eine ernstzunehmende Position oder Partei gegeben, die nicht im Taumel einer Idee entsprungen ist.








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Marcus Quent

studierte Philosophie und Theaterwissenschaft in Leipzig und Wales, UK. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität der Künste Berlin und Herausgeber der Bücher Absolute Gegenwart (2016) und Das Versprechen der Kunst (2014).