Nutzerkonto

Die Kamera in ‚Glimpse‘ ist ein Richter

Artur Żmijewski

Gespräch über ‚Glimpse‘
Michael Heitz im Gespräch mit Artur Żmijewski

Veröffentlicht am 04.07.2017

EN

Michael Heitz: Glimpse zeigt uns Szenen, die an verschiedenen Orten gefilmt wurden. Wie viel Zeit habe Sie dort jeweils verbracht? Wusste man schon, dass Calais geräumt werden würde, als Sie das Projekt in Angriff genommen haben?


Artur Żmijewski: Wir verbrachten mehr als einen Monat mit Dreharbeiten in Berlin, Calais, Grande-Synthe (einem Vorort von Dünkirchen) und Paris. Ja, es war angekündigt worden, dass die französischen Behörden den Dschungel von Calais räumen würden. Und es war auch abzusehen, dass man die Flüchtlinge von den Straßen von Paris wegschaffen würde. An Orten wie rund um die Metrostationen Jaurès oder Stalingrad wimmelte es von Flüchtlingen, die auf der Straße lebten. Die Polizei vertrieb sie mit Gewalt von dort. Manche von ihnen kamen im Lager nahe der Porte de la Chapelle unter. Hunderte von Menschen campierten im Umkreis dieses neu errichteten Lagers auf der Straße. Wir drehten also in Calais und dann in Paris an verschiedenen Orten – und folgten dabei der Politik der französischen Behörden.


Können Sie Einzelheiten über die Situation und die Bedingungen berichten, die Sie in den Lagern vorgefunden haben? Und welche konkrete Gefühlslage hat Sie dazu getrieben, diese Arbeit zu machen?


Die Bedingungen in den Lagern waren extrem einfach – die Menschen lebten im Winter in Zelten und Buden aus Holz. In vielen Fällen verbrachten ganze Familien Monate mit nutzlosem Warten. In Calais oder in Grande-Synthe versuchten viele verzweifelt, auf britisches Territorium zu gelangen, aber die französische Polizei hinderte sie daran. Die Leute hatten alles verloren und waren auf die Unterstützung anderer angewiesen, meist von NGOs oder Aktivisten. Eine solche Situation hat etwas zutiefst Demütigendes.

In Polen gab und gibt es eine ganz bestimmte Art, über Flüchtlinge zu sprechen – selbst wenn es in Polen eigentlich gar keine Flüchtlinge gibt: »Das sind alles potentielle Terroristen«; »Die schleppen exotische Bakterien und Viren ein«; »Statt sich nach Europa zu verdrücken, sollten die Kerle lieber zu den Waffen greifen und für ihr Land kämpfen.« So lautete und lautet der Grundtenor unter den führenden Politikern in der Regierung und in der Verwaltung. Diese Ausdrucksweise ist auch in anderen Ländern Osteuropas populär. Ich wollte diese Rede auf die Probe stellen.


Sie haben Kunst einmal als »Intuitionswerkzeug« bezeichnet. Worin besteht hier die Intuition?


Intuition hilft Künstlern dabei, etwas hinter der rationalen Ebene, jenseits des rationalen Zugriffs zu verfolgen. In diesem Fall versuchte ich, mich nach einem ganz bestimmten, von Propagandaregisseuren angeregten filmischen...

Artur Żmijewski, dessen aktuelles Werk Glimpse für die documenta in Athen von der New York Times als die dort wichtigste Position bezeichnet wurde, scheint mittlerweile derart klar auf seine Rolle als Provokateur abonniert zu sein, dass erregte Diskussionen seiner die Grenzgebiete politischer Kunst ­vermessende Arbeiten rar geworden sind.
Im Gegensatz zu der in Kassel gezeigten Filmarbeit ­Realism, bei der unterschenkelamputierte Männer in filmischen Portäts ­souverän ­posierend und (so hat es zumindest den Anschein) in ­gemeinsamer Sache mit dem Künstler ein raffiniertes Spiel darbieten, lag der Athener Arbeit Glimpse eine akutere Ausgangssituation zu Grunde. Żmijewski zeigt in seinem in Flüchtlingslagern gedrehten 16mm-Stummfilm von Flucht und Entbehrung gezeichnete Menschen in inszenierten Einstellungen, wie sie aus Propagandafilmen des Nationalsozialismus und Stalinismus bekannt sind.
Żmijewskis frontale, quasidokumentarische Bild- und Handlungsrhetorik macht die Flüchtlinge bewusst erneut zu Objekten examinierender Blicke und erniedrigender Gesten und zwingt sie in ein prekäres Angesicht zu Angesicht mit dem Kunstpublikum. Ob sich dieses in den transhistorischen Mustern einer xenophoben Öffentlichkeit gespiegelt sieht oder der Implosion der eigenen selbstgewissen Anteilnahme beiwohnt, bleibt der persönlichen Deutung und öffentlichen Debatte überlassen. Sicher ist, dass Żmijewski mit hohem Einsatz eine bis ins Unerträgliche hinein forcierte Arbeit der Verunsicherung betreibt. Ob in den strengen Kunstexperimenten und deren mimetischer Gewalt nicht durch alle Negationen hindurch noch Schwundstufen humanistischer Ästhetik aufscheinen?

 

  • documenta
  • Migration
  • Gegenwartskunst
  • Propaganda
  • Gewalt
  • Film
  • Flüc
  • Nationalsozialismus
  • Künstlerische Praxis
  • Gabe
  • Polen
  • Lager

Meine Sprache
Deutsch

Aktuell ausgewählte Inhalte
Deutsch, Englisch, Französisch

Artur Żmijewski

Artur Żmijewski

geboren 1966, ist Künstler und Kurator. Er lebt in Warschau.