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Ich ist nicht ein anderer, ich ist alle anderen.

Zoran Terzić

Der Tautomane

Veröffentlicht am 11.07.2019

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Alfred Jarry hat im ausgehenden 19. Jahrhundert mit seinem Fettwanst Père Ubu den Prototypen des modernen Möchtegern-Menschen geschaffen: eine Figur, die das Entitlement zur höchsten Kunstform erhoben hat. Ubu will zwar nicht König werden, andere drängen ihn dazu. Aber die anderen: das ist auch er. Und als er dann König, CEO oder US-Präsident wird, weiß er nicht, was das ist und ob überhaupt etwas ist. Er behauptet es einfach. So hangelt er sich zu neuen Mächten und Maximen. Dort angekommen, enthirnt Ubu die Welt, legt den Grund zur Grundlosigkeit frei, wie das einmal Ortega y Gasset formuliert hat. Ubu ist ein Tautomane, d.h. er ist aus sich selbst heraus erklärbar und somit immer im Recht (im-Recht-sein ist alles, was er ist). Er benötigt keinen Beweise, sondern will im Gegenteil »das Absurde zur Maxime des Denkens erheben« (Deleuze & Guattari). Dieser Impuls befeuert die Autopoiesis einer Macht, die nun nicht mehr zwischen Zeichen und Bezeichnetem unterscheiden muss. Ihr Paradies ist ein buchstäbliches Etwas. Wenn sich Widerstand gegen sein Wertgesetz regt, verkriecht er sich jammernd unter dem Tisch, gibt sich die Bunkerkugel oder flieht auf die goldene Insel. Ubu ist nicht kleinzukriegen, weil er prinzipiell klein ist, so mächtig er sich auch aufplustert. Auch wenn sein Charakter auf Jarrys einstigem Schullehrer beruht, mutiert die Figur auf der Bühne zum Typus des »neuen Menschen«. Dessen Selbstreferenz spiegelt das l’art pour l’art der Avantgarden wider, die den Tautomanen als Heilsbringer feiern, mit Zeichen, die »das Helldunkel lecken und im großen Munde voll Honig und voller Exkremente schwimmen« (Tristan Tzara). Die Dadaisten fordern in Jarrys Nachfolge die »Installation des Idioten«, d.h. die Dialektik von Weisheit und Dummheit, die in einer »aktiven Einfachheit« münden soll. Verwandtes wird man im Barbarogenius-Konzept der Zenitisten wiederfinden. Selbst im cleanen, klandestinen, kristallinen, sublimen Futurismus-Suprematismus poppt die »Schoiße« Ubus an die Oberfläche: Kürzlich stellten Forscher nach der Entdeckung einer übermalten Inschrift auf dem Schwarzen Quadrat (1915) fest, dass Kasimir Malewitschs moderne Ikone offenbar auf Alphonse Allais’ rassistische Karikatur Combat des Nègres dans une cave, pendant la nuit von 1897 zurückgeht, die wiederum auf eine Malerei von Paul Bilhaud zurückzuführen ist. Ein Running Gag. Allais’ Bild zeigt ein schwarzes Rechteck. Malewitsch umschreibt seine Schwärze als »Empfindung der Gegenstandslosigkeit«. Niemanden wird das verwundern, der einmal die Platzierung des Gemäldes in der 0,10-Ausstellung erblickte. Das Black Square starrt dort wie ein von der Decke hängender Fernseher herunter, auf dem Ubu mit einer Wetterprognose...

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Zoran Terzić

Zoran Terzić

geboren in Banja Luka, studierte Bildende Kunst in New York, widmete sich danach kulturtheoretischer Arbeit und wurde 2006 in Wuppertal promoviert. Er lebt als freier Autor und Pianist in Berlin.