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»Ein Angriff auf das Allgemeine durch den Einzelfall«

James Agee

Die große Einweihung

Übersetzt von Andrea Stumpf und Sven Koch

Aus: Da mir nun bewusst wird. Prosa, Skripte, Projekte, S. 63 – 82

(Grobe Skizze für einen Film)



Eines Nachmittags zu Beginn des Frühlings 1946 beobachtete die an jenem hehren Ort zwischen Washington Obelisk und Lincoln Memorial versammelte und von einem großen Platz durch ein Seil ferngehaltene Menge die Staatsmänner, Diplomaten, Militärs, Wissenschaftler, Geistlichen, College-Präsidenten, Wochenschau-Kameramänner und Life-Photographen, die sich auf den eigens errichteten Bühnen eingefunden hatten, um im wechselhaften Sonnenlicht und unter unruhig flatternden Flaggen fast aller Nationen den neuen Triumphbogen einzuweihen, der jetzt und für alle Zeiten an die größte menschliche Errungenschaft überhaupt erinnern sollte.


Der Entwurf für den Bogen geht auf Frank Lloyd Wright zurück und ist dessen einzige Konzession an die Romanik; darüber hinaus gestaltete der Meisterarchitekt ihn frost- und erdbeben­sicher und schützte ihn gegen Kritzeleien und das Einritzen von Initialen. Der Bogen schimmerte kostbarer als die meisten Edelsteine – er war auch gar nicht aus Stein, sondern aus geschmolzenem Uran – und stand unter dem gebauschten, regenbogenfarbenen Tuch, welches noch seine Widmungsinschrift verhüllte, wie ein ­gefesselter königlicher Sklave der Antike mit maskiertem Gesicht und mächtigem nacktem Leib.


Aus den Lautsprechern, die recht geschickt unter dem Bogen versteckt waren und sich in den riesigen Flächen neu sprießenden Rasens wie Rabatten grauglänzender Prunkwinden ausnahmen, drang eine Sonderaufführung der »Ode an die Freude« aus Beethovens 9. Sinfonie in einer von Robert E. Sherwood betreuten Neuübersetzung durch Louis Aragon und Harry Brown, dirigiert von Arturo Toscanini im Studio 8-H im Rockefeller Center, wo ein geladenes Publikum die Einweihungszeremonie während der ersten großen Ringsendung des Fernsehens via Bildschirm verfolgte. 


Auch wenn die Übertragung noch nicht ganz reibungslos klappte, war es ein bewegender Anblick. Selbstverständlich fielen viele Vorreden noch länger und weniger überzeugend aus, als man es von Reden zu gewichtigen Anlässen gewohnt ist; es war nämlich weder den Rednern noch den Zuhörern klar, welche Idee dem Bogen zugrunde lag, welchen Zweck er hatte und wem oder was er gewidmet werden sollte: Die Redner waren daher sichtlich von dem unwiderstehlichen Drang getrieben, auf die Großartigkeit des Ereignisses hinzuweisen, indem sie ihm einen dauerhaften Altar errichteten, und gleichzeitig ihre Namen mit einigen angemessenen Worten mit diesem Moment zu verbinden – wie es nach wie vor viele Leute für nötig befinden, wenn beispielsweise ein Toter beerdigt wird. Daher war an den Reden Stimmkraft, Wortgewandtheit und eine bei jedem Redner spürbare geradezu übertriebene Verbindlichkeit und optimistische Haltung bemerkenswerter als ihr Inhalt oder gar dessen Vermittlung. Als die Reden dann endlich vorüber waren, war die Feier jedoch von großer Schlichtheit und erreichte, wie mehrere...

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James Agee

James Agee

war Dichter, Journalist, Drehbuchautor und Schriftsteller. Er galt als einer der einflussreichsten Filmkritiker seiner Zeit und schrieb neben den Drehbüchern zu »The African Queen« und »The Night of the Hunter« u.a. den mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Roman »A Death in the Family« (»Ein Todesfall in der Familie«, 2009). In Zusammenarbeit mit dem Fotografen Walker Evans entstand der Band »Let Us Now Praise Famous Men« (»Preisen will ich die großen Männer«), ausgehend von einem Auftrag der Farm Security Administration, über die Lebensbedingungen von Farmpächtern im Süden der USA zu berichten.

Weitere Texte von James Agee bei DIAPHANES
James Agee: Da mir nun bewusst wird

James Agee

Da mir nun bewusst wird
Prosa, Skripte, Projekte

Übersetzt von Andrea Stumpf und Sven Koch

Gebunden, 240 Seiten

»Keine Zeit verschwenden für Geschichte, Figurenentwicklung etc.; man ist von Anfang an mittendrin: im Leben selbst statt in seiner Beschreibung.« Mit hemmungsloser Wucht hat James Agee sich in die amerikanische Literatur des 20. Jahrhunderts eingeschrieben. Durch seine Kompromisslosigkeit riskierte er immer wieder, nicht veröffentlicht zu werden, wie etwa im Falle von »Brooklyn ist« – mittlerweile ein Klassiker der New-York-Literatur, der in diesem Band ebenso enthalten ist wie verschiedene Erzählungen, Prosaskizzen, Entwürfe.

Nichts Geringeres als einen »Angriff auf das Allgemeine durch den Einzelfall« wollte Agee mit seiner Literatur führen: einer Literatur ohne Rückendeckung, zwischen überscharfem Tatsachenbericht, entblößender Parodie und klassischer »short story«, die sich voller Emphase selbst aufs Spiel setzt und in Filmskizzen und Plänen für Bücher ganz anderer Art neue Wirklichkeiten sucht. Ein Schlüsseldokument ist der ideensprühende Stipendiumsantrag »Projekte; Oktober 1937«: ein noch im 21. Jahrhundert Staunen erweckendes Porträt des Schriftstellers als medienkünstlerischer Avantgardist und eine wahre Fundgrube an Ideen, die man sich sofort jede einzeln ausgeführt wünscht.