Nutzerkonto

Literatur

Ein unbescheidener Vorschlag
Ein unbescheidener Vorschlag

Stephen Barber

Krieg aus Fragmenten: World Versus America

J.G. Ballards selbsterklärter »Unbescheidener Vorschlag« zu einer globalen Kriegsallianz, um Ameri­kas Zerstörung zu betreiben, de­­­­monstriert nicht nur die provokative Leidenschaft seiner letzten Romanprojekte, sondern auch ihre bleibende prophetische Kraft. In den Notizheften zu World Versus America unterstreicht Ballard mehrmals, dass es ihm mit seinen Sorgen und Visionen bitter ernst ist. Die Ballard-Erben haben ihr Einverständnis dazu verweigert, Seiten aus den Notizheften zu World Versus America im Rahmen dieses Essays abzudrucken. Dennoch hat jeder Interessierte ohne Weiteres die Möglichkeit, die kompletten Notizhefte...
ABO EN
Aktuelle Texte

Axel Dielmann

»Können Sie sich so etwas vorstellen?«

Wahrscheinlich mussten die Kuratoren fürchten, jemand stolperte über die Stufen beim Blick an ihre Wände, unachtsam vom Bilderansehen – kann es sein, dass ich eben unten an dem ersten Objekt der Ausstellung einfach vorbeigegangen bin? Nummer 1, »Schleier ohne Form. Vorhang…«. Muss an der Wand direkt zwischen Eingang und Abgang… »Lieber Herr Kollege…!«, und Aufgang angebracht gewesen sein, »… Vorhang. Höhe 310 cm, Breite 475 cm«, ich müsste das doch vom letzten Gangabschnitt her schon gesehen haben, wandhohes Ding. Was ich hier übersehe, geht mir durch den Kopf, wäre das Wesentliche. Was noch die schlichteste Form von Analyse ist. Eigentlich müsste ich, weiß ich, zurückgehen im sacht aufsteigenden Wendelstein. Aber er ist zu Ende, vor mir öffnet sich entlang einer letzten flachen Stufe das Anatomische Theater. Licht.

Dem rechteckigen Raum eingeschrieben ist das Oval einer hölzernen, braun glänzenden Balustrade, von der aus sieht man nach unten. Irgendwo wird hier geflüstert. In drei enger...

OPEN
ACCESS
EN
  • Darstellende Kunst
  • Körper
  • Ausstellung
  • Gegenwartsliteratur
Aktuelle Texte

Alban Nikolai Herbst

Die Brüste der Béart

Ich bleibe verloren ins Spiel Deiner Waden –

verloren in Deine Erscheinung, Béart

OPEN
ACCESS
Aktuelle Texte

Johannes Binotto

Der Zähmung widersprechen

Von der Zähmung zu sprechen und ihr zu widersprechen muss damit anfangen, das Wort selbst zum Reden zu bringen. »Zahm« – der rätselhafte Ausdruck geht auf dieselben sprachgeschichtlichen Wurzeln zurück wie die Wörter »Damm« und »Zimmer«. Das Zähmen, so macht die Etymologie damit bereits klar, ist ein Akt der Eindämmung, des Abscheidens und der Einpassung. Was einmal gezähmt wurde, hat seither einen klar begrenzten Ort, seine eigene Kammer, in die es fortan nicht einmal mehr eingesperrt werden muss, weil es das Zimmer in Form seiner Zähmung dauernd mit sich herumträgt. Der zahme Bär an der Leine des Schaustellers, wie man ihn noch Anfang des 20. Jahrhunderts auf den Jahrmärkten vorführte, schien zwar auf dem offenen Dorfplatz zu stehen, steckte dabei aber doch eigentlich im grausamen Käfig seines Dompteurs, den dieser ebenso eng wie unsichtbar um ihn gezimmert hatte.

Noch suggestiver ist da das Französische, wo man das zahme Tier »animal privé«...

OPEN
ACCESS
EN
  • Sprache
  • Shakespeare
  • Gender
  • Feminismus
  • Subjektivierung

 

Aktuelle Texte
Es gibt kein absolutes Besonderes.

Rolf Bossart, Milo Rau

Es gibt kein absolutes Besonderes.

OPEN
ACCESS
EN
  • Realismus
  • Humanismus
  • Reenactment
  • Künstlerische Praxis
  • Postmoderne
  • Kunsttheorie
Aktuelle Texte

Maël Renouard

Psychopathologie des digitalen Lebens

Früher passierte es uns, Strophen von Gedichten, historische Fakten, theoretische Sätze, lateinische Wörter, etc., zu vergessen, Dinge, die man uns in der Schule lernen ließ, weil die früheren Generationen sie für wesentlich gehalten hatten – oder solche, die wir uns aus Lust, aus eigener Neigung angeeignet hatten, die aber nichtsdestoweniger aus unserem Geist zu entfliehen drohten, wenn wir uns nicht anstrengten, sie festzuhalten. Unser Gedächtnis der äußeren Kenntnisse schien verwundbar und von unserem Willen abhängig, unser persönliches Gedächtnis dagegen hatte etwas von einer Festung. Von Zeit zu Zeit wusste man nicht mehr, wer 1952 Ratspräsident oder 1970 Fußball-Weltmeister gewesen war, aber man konnte sich sagen, dass es zumindest ein Ding gab, das man niemals vergäße oder das man, es sei denn durch einen tragischen Unfall, niemals so vergessen würde wie alles Übrige, nämlich unser eigenes Leben.

Jetzt, da wir mit dem Internet über ein gigantisches mnemonisches Hilfsmittel verfügen, das fähig ist, fast...

OPEN
ACCESS

 

Preisgekröntes Debüt: »Ein literarischer Coup.«
Preisgekröntes Debüt: »Ein literarischer Coup.«

Julien Maret

Tirade

Jemand fällt und spricht zugleich, redet, singt, schwadroniert. Seine Lage ist riskant: Es ist ein Ich ohne Geschichte, ohne Zivilstand, das dennoch versucht, mit äußerster Genauigkeit und Intensität dem gerecht zu werden, was ihm zustößt und zugestoßen ist: im Fallen reihen sich rasende Bilderfluchten eines Lebens aneinander, die in Echtzeit vor unseren Augen vorüberziehen. Und so entsteht die poetische Aneignung eines Lebens, ein parodierter Gesang. In Julien Marets kühnem literarischen Experiment grüßen von ferne Lewis Carrolls Alice und Becketts Namenloser,...
  • Gegenwartsliteratur
  • Absurdes
  • Fallen
  • Existenzialität
  • Experiment
Aktuelle Texte

Maria Filomena Molder

»So viele Egoisten nennen sich selbst Autoren…«

»So viele Egoisten nennen sich selbst Autoren«, schrieb Rimbaud am 15. Mai 1871 an Paul Demeny. Auch wenn es nicht immer offensichtlich scheint, ist »Ich«, die erste Person, zugleich die unbekannteste Person, ein Geheimnis, das sich ständig auf die anderen beiden, die zweite und die dritte Person, zubewegt, eine Reihe von Entfaltungen und Brüchen, die irgendwann zu »Je est un autre« verklumpte. Deshalb ist »apokryph« ein literarisch irrelevanter Begriff und »pseudo« ein Symptom, der schlagende Beweis, dass das Leben, das Schreiben, aus Echos besteht, was wiederum bedeutet, dass Einschaltungen und Diebstähle (auch dies spricht Borges an) stets das täglich Brot derjenigen sein werden, die schreiben.

Die Worte anderer, entstellte und verstümmelte Worte: Sie sind die Almosen der Zeit, die einzige Wohltat dieses Verschwenders. Und so viele andere, zumeist andere, die schrieben, und viele andere Seiten, allesamt apokryph, allesamt Echos, Spiegelungen. All dies fließt in den letzten Worten zusammen, die – zwei...

OPEN
ACCESS
EN
Aktuelle Texte

Diane Williams

Wie wär’s mit einem Stück Schnur?

Ich sagte, »Willst du ein Seil? Deine Ladung ist doch nicht richtig gesichert.«
»Nein«, sagte er, »aber du hast Schnur, oder?«
»Wenn das anfängt zu rutschen…«, sagte ich, »du solltest ein Seil nehmen.«
»War da Giftefeu dran?«, wollte er wissen und ich sagte ihm, mein Seil hätte jahrelang friedlich im Schuppen gelegen.
Er nahm sich ein Stück mit zum Nachttisch. Er machte sich keinen Begriff davon, was Holz aushalten konnte.
»Das Teil muss kaputtgegangen sein, als ich’s am Laster festgezurrt habe«, sagte er.
Und als er dann die Nähmaschine verschob, ließ er die gusseisernen Räder – rums bums auf der Treppe.
Ich war mittlerweile dabei, die Flamingo-Keksdose einzupacken, das Besteck und die Koch­töpfe, hielt aber kurz inne, denn wie oft geschieht es schon, dass man plötzlich etwas tief Empfundenes sieht?
Ich sah unsere Milchkühe in ihrem gemächlichem Defilee auf der Weide und dann das Kalb, wie es die Linie von...

ABO EN