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Erich Hörl: Die technische Verwandlung
Die technische Verwandlung
(S. 327 – 341)

Zur Kritik der kybernetischen Einstellung

Erich Hörl

Die technische Verwandlung
Zur Kritik der kybernetischen Einstellung bei Günther Anders

PDF, 15 Seiten

Die Einsicht, dass unter hochtechnologischen Bedingungen die Struktur und der Sinn von Koexistenzialität sich radikal verwandelt haben, durchzieht das gesamte Werk von Günther Anders nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie bildet den Kern seiner anti-technischen Erregung. Wenn einst das Sein mit anderen oder das Zu-mehreren-sein, also das, was seit Heidegger Mit-Sein heißt, die erste und primordiale ontologische Relationalität gewesen sein mag, auf die alle Sinnbildungsprozesse zurückgehen – dies vergessen oder mindestens unterschätzt zu haben, wird Anders nicht aufhören, Heidegger vorzuwerfen –, so scheint jedenfalls in technokratischen Zeiten das Sein des Menschen mit Maschinen in den Vordergrund getreten und zur entscheidenden Beziehung avanciert zu sein. Diese Transformation hat jedenfalls das, was Mit-Sein heißt, nach Anders bis zur Unkenntlichkeit deformiert: »Mit-Tun«, »Mit-Laufen«, »Mit-Machen«, »Mit-Funktionieren« erscheinen nunmehr als entstellte Figuren, als defiziente Modi des Mit-Seins und als Ausdruck der neuen Situation, in der der Mensch mit Maschinen und nach deren Maßgabe existiert.

In der metatechnischen Epoche, wie man sie in Anlehnung an Max Bense bezeichnen könnte1, da die technischen Phänomene infolge der objektgeschichtlichen Evolution nicht mehr nur eine Oberflächenerscheinung darstellen, sondern in die Tiefenschichten der menschlichen Seinsverhältnisse eingedrungen und wir in die technologische Lebensform übergegangen sind, scheint sich die Koexistenzialfrage sogar zuallererst, das ist nach Anders der Skandal, auf die Seinsweise von Maschinen zu beziehen. Denn eine Maschine, so betont Anders, ist niemals allein, sie arbeitet immer schon zusammen mit anderen Maschinen, ist eingelassen in einen »Maschinenpark«2, der – und dies eben sei die Signatur des technokratischen Dispositivs – alle möglichen Seinsbeziehungen prägt, also auch die zwischen Menschen und Maschinen und von Menschen untereinander. Noch die Geschichtlichkeit des technokratischen Zeitalters, in dem die Welt eine wesentlich technische Welt geworden ist, zeigt sich in dieser Diagnostik durch eine ganz bestimmte Form des »Mit-Seins« von Mensch und Maschine dominiert, die sich nun unhintergehbar über alle Beziehungen legt. Die Technik, so heißt es bei Anders, ist »nun zum Subjekt der Geschichte geworden […], mit der wir nur noch ›mitgeschichtlich‹ sind.«3

Wie nun aber diese fundamentale Mitgeschichtlichkeit genau zu denken ist, die zu guter Letzt genau jene neue Einstellung hervorgebracht haben wird, in der wir noch gegenwärtig leben, jene Umstellung der »Normalform« und des »normalen Stils menschlichen Daseins«,4 um mit Husserl zu sprechen, jenen neuen »Normalstil« überhaupt, der seither unsere epistemologischen und ontologischen Parameter prägt: eben die kybernetische Einstellung, das ist bis heute – und heute wohl mehr denn je – unsere Frage, die wir auch und gerade gegen jeden antitechnischen Affekt durchzuarbeiten haben.

Kritik des »Adaptive Behaviour«

Es gibt ein Schlüsselwort, das in vielen Varianten durch den Text von Anders zirkuliert und seine gesamte Lektüre, was Mit-Sein in technischer Welt bedeutet, überhaupt organisiert. Als Chiffre des Zeitalters der Maschinen versammelt es alle technokratischen Figuren des Mit-Seins unter sich. Es lautet: Adaptation. Dieses Wort und das lexikalische Feld, in dem es steht, betrifft alle ontischen Formen anpassenden Verhaltens, von politischem Mitläufertum und totalitären Gleichschaltungsphänomenen bis hin zur Mimesis des Menschen an die und seine Gleichschaltung mit der Maschine in der Automation, die nach Anders signifikant sind für das Existieren in technologischen Verhältnissen. Und es tritt zugleich als neuer ontologischer Grundbegriff in Erscheinung, der technisiertes Sein als solches charakterisiert. Mit diesem Begriff hat Anders die für ihn entscheidende Kategorie geschmiedet, mit der er das Sein in der Welt der Maschine auf breitester Basis, d.h. in seinen ontologischen und epistemologischen Konsequenzen analysiert.

Das Wort und der Begriff der Adaptation wurde Anders von seiner Zeit selbst zugetragen. Er war Mitte des 20. Jahrhunderts nicht nur eine technowissenschaftliche Grundlagenvokabel, sondern verdichtet die Losung technoiden Seinsverständnisses jener Tage. Denn »adaptation« bzw. »adaptive behaviour« war seit den frühen vierziger Jahren eine der zentralen Formeln jener neuen Denkweise, die unter dem Titel cybernetics nach dem Krieg ausgehend von den USA eine gewaltige Karriere machte und eine epistemologische wie ontologische Grundlagenrevision auf den Weg brachte. Kybernetik ist dabei nicht nur als eine ephemere Metadisziplin zu begreifen, sondern ist der Name einer ganzen Formation, die neben einer grundsätzlichen Rekonfigurierung epistemologischer Positionen auch noch bis auf eine umfassende Transformation der Seinsweise als solcher durchschlägt, der Name eines weitreichenden technologischen Umwendungsprozesses, der noch uns erreicht und fortbesteht.5 Einer der kybernetischen Gründertexte, der von dem Mathematiker Norbert Wiener zusammen mit dem Kardiologen Arturo Rosenblueth und dem Ingenieur Julian Bigelow verfasst wurde – Behaviour, Purpose and Teleology von 1943 – zeigte bereits den Fluchtpunkt des Unternehmens, nämlich die ontologische und für die Moderne konstitutive Differenz von Menschen, Tieren und Maschinen zu schleifen und sie allesamt als Systeme adaptiven Verhaltens zu begreifen. »The broad classes of behaviour«, das war die Pointe des berühmten Aufsatzes, »are the same in machines and in living organisms.«6 Die Kybernetik fokussierte insbesondere das aktive, absichtliche und rückgekoppelte Verhalten, d.h. – mit einem der Ingenieurswelt entliehenem Wort – das Anpassungsverhalten servomechanischer Systeme, egal ob es sich dabei um Torpedos handelte oder um lebende Organismen.7

Insbesondere durch Grey Walter und Ross Ashby wurden dann Ende der vierziger, Anfang der fünfziger Jahre biologische und technische Systeme vollkommen miteinander überblendet und das menschliche Gehirn zum Prototyp eines intelligenten Anpassungsmechanismus hypostasiert. Ashbys 1952 erschienenes Buch Design for a brain trug den programmatischen Untertitel The Origin of Adaptive Behaviour und stellte das Gehirn als bislang von künstlichen Maschinen uneingeholten Steuerungsmechanismus zur Herstellung von Umweltanpassung eines Systems dar, als Urmodell aller Kontrollsysteme schlechthin. Das Modell aber dieser Sichtweise auf das Gehirn war selbst wiederum eine Maschine: der berühmte Homöostat.8 Dieses in den späten vierziger Jahren von Ashby gebaute simple elektrische Gerät, das aus vier sich gegenseitig steuernden Servomechanismen bestand, stellte ein Beispiel dar für ein ultrastabiles System, das keinen anderen Zweck hatte, als sich endlos zu rekonfigurieren. Es tat im Grunde nichts anderes, als den homöostatischen Prozess9 eines organischen Systems zu simulieren. Ashbys Homöostat wurde – neben Grey Walters elektronischen Schildkröten und den ersten Großrechnern – zu einem Emblem der Kybernetisierungswelle, die die Natur- und Geisteswissenschaften erfassen und eine ganze »cybernetic culture« als »new environment«10 des Menschen hervorbringen sollte. Das Verhalten dieses einfachen Systems schien Aufschlüsse über das Verhalten komplexer Systeme wie Unternehmen zu liefern – Stafford Beer etwa ersann das »homöostatische Unternehmen« als Inbegriff der kybernetischen Automation –, ja schließlich für hyperkomplexe Systeme wie das Gehirn, die Wirtschaft oder die Gesellschaft. Ashbys Modell der Anpassungsmaschine, das aus vier schwarzen Kästen bestand, war gleichsam die Verkörperung der black box, in der das überlieferte Bild des Menschen verschwand.

Das Wort »›adaptiv‹« war, so lässt sich mit dem Wissenschaftshistoriker Andrew Pickering resümieren, »ein Schlüsselbegriff im Kybernetiklexikon der fünfziger Jahre«.11 Es stellte ein Grundwort für die Probleme von Steuerung und Kommunikation sowohl technischer als auch nicht-technischer, sprich biologischer, physiologischer und auch sozialer Systeme dar, aber auch für die hybride Kopplung von Mensch und Maschine, wie sie die automatisierte Fabrik ins Werk setzte. Parallel zur Arbeit an einem Nervenkalkül, der nicht nur die schaltungslogische Begründung der wechselseitigen Modellierbarkeit von Rechenmaschine und Gehirn brachte, sondern auch eine neue Mythologie von thinking machines und electric bzw. electronic brains,12 stellte die Untersuchung des »adaptive behaviour« den Hauptschauplatz für die Kybernetisierung des Wissens und die kybernetische Arbeit am Ende des Menschen dar.13

Die Phänomenologie oder genauer: die psychohistorische Untersuchung adaptiven Verhaltens, die Anders unternahm, zeigt sich vor diesem Hintergrund als groß angelegte Auseinandersetzung mit der kybernetischen Frage, die seine Gegenwart in Atem hielt. Bei seiner Kritik des adaptiven Verhaltens handelt es sich genau genommen um eine Arbeit an der Umwertung eines technowissenschaftlichen Kernbegriffs der Epoche. Die beiden Bände über die Antiquiertheit des Menschen erweisen sich streckenweise sogar als Genealogie der die transzendentale Einstellung ablösenden kybernetischen Einstellung, die auf macht-wissensgeschichtlich signifikante Einpassungs- und Adjustierungsszenen des Menschen in die Maschinenwelt und die Geburt eines neuen Existenz- und Denkstils fokussiert.

Dabei stellte das »›Human Engineering‹, also (die) ›Ingenieursarbeit am Menschen‹« und der damit eingeleitete Übergang »ins Reich des Hybriden und Artifiziellen« für Anders das zeitgenössische Hauptsymptom der Kybernetisierungsanstrengung und einen Schlüsselort des Durchbruchs der kybernetischen Einstellung dar. Der Einsatz dieser ingenieurwissenschaftlichen Transformation des Humanen schien darin zu bestehen, die Modellierbarkeit des Menschen an ihre Grenzen zu treiben und seinen Leib »den Ansprüchen der Geräte zu adaptieren«. Die physiotechnischen Experimente in physischen Grenzbereichen, so Anders, »sind wirklich die Initiationsriten des Roboterzeitalters« und »die Klimax möglicher Dehumanisierung«. Die neue Frömmigkeitsformel, die hinter der experimentellen Herstellung des Maschinenmenschen stand und die ihrerseits die Maschineneschatologie auf den Punkt brachte, lautete: »imitatio instrumentorum«. Es handelte sich, so Anders nüchtern, um Realisierungsversuche des kybernetischen Traums, zur Maschine zu werden, ja »Gerät zu sein«.14

Die »Obsoletheit des bisherigen Menschenmodells« sollte dabei ihren Triumph im vollendeten Geschöpf des Human Engineering, dem Weltraumfahrer finden: »Der in die abgeschlossene Kapsel einmontierte Monteur, der […] in den Apparat als Teilstück eingefügt ist«, musste jahrelang durch die physiotechnischen Selbstmodifikationsprogramme gegangen sein, um vollkommen »gleichgeschaltet mit diesem Apparat funktionieren zu können«.15 Das »klassische Verhältnis von Mensch und Instrument« hatte sich damit nach Anders »total invertiert«: »Während bis vor kurzem das Instrument als die ›Verlängerung‹ des Menschen gegolten hatte, und diese Betrachtung rechtmäßig gewesen war, ist nunmehr der Mensch zum Stück bzw. zur Verlängerung des Instruments geworden.«16

Der prothetische Mensch, der sich nach Anders’ Ansatz bislang seiner ihn aus sich heraussetzenden, herausstellenden, entäußernden, dabei letztlich aber wesentlich akzidentellen und nachträglichen Prothesen nur bedient haben sollte und dabei in seinem Kern offenbar doch nicht-prothetisch verfasst zu sein schien, verwandelte sich nun selbst Stück für Stück in eine Prothese, in eine Prothese seiner Prothesen, in ein total exteriorisiertes Wesen, das gerade darin sich selbst verlor. Diese Inversion, die Anders vom, wie er nachdrücklich betont, klassischen Verhältnis von Mensch und Instrument aus registriert, markiert exakt den qua Maschinenevolution stattfindenden und von den neuen kybernetischen Maschinen implementierten Umbruch von der klassischen in die transklassische Situation. Während in der klassisch-mechanischen Situation Werkzeuge, Instrumente und Maschinen Welt manipulieren und die ontologische Relation von gegenständlichem Sein und (ver)arbeitendem und erkennendem Subjekt dominiert, also die hylemorphistische Kondition, prozessieren transklassische Maschinen nur noch Information. Ontologisch gesehen ist die transklassische Situation eine nach Maßgabe klassischer Kategorien und Unterscheidungen völlig unverständliche Prozesswelt. Der Sinn des Technischen hat sich in diesem Übergang ins Nachmechanische und Nichtinstrumentelle selbst grundlegend transformiert.17 Wer diesen Veränderungsprozess, wie Anders es tat, selbst noch mit klassischen Distinktionen zu denken versucht und aus einer klassischen Grundstimmung heraus, wie er freimütig bekannte, der konnte gar nicht anders, als sich in einem Schwindel der Inversion zu verlieren.18 Ich werde auf eine Reihe von Voraussetzungen, die Anders’ klassisches Denken des Technischen impliziert und letztlich seine Auslegung der kybernetischen Epoche scheitern lässt und destruiert, im zweiten Teil zurückkommen.

Die Szene, die Anders zuletzt beschrieb, hat tatsächlich den Cyborg hervorgebracht und ist, mediengeschichtlich gesehen, einer der Hauptschauplätze für die Genese der zeitgenössischen Mensch-Maschinen-Hybridität.19 Lange bevor der Cyborg durch die Science Fiction popularisiert wurde, bezeichnete der Ausdruck »self-regulating man-machine systems«, wie sie in den Laboren der Weltraumforschung entworfen wurden. Manfred E. Clynes und Nathan S. Kline schrieben 1960 in der Zeitschrift Astronautics unter dem Titel Cyborgs and Space zum Problem der nötigen biochemischen, physiologischen und elektronischen »modification of man’s existing modus vivendi«, wie es sich für Weltraumreisende stellte: »The task of adapting man’s body to any environment he may choose will be made easier by increased knowledge of homeostatic functioning, the cybernetic aspects of which are just beginning to be understood and investigated.« Prothetische Anpassung an »space conditions« wurde da angestrebt, wo es schlichtweg unmöglich war, »to carry the whole environment along with him«. »Artificial-organism systems«, so hieß es, »which would extend man’s unconscious, self-regulatory controls are one possibility.« Die Astronauten waren in einen Maschinenverbund einzupassen, hatten zusammen mit den Maschinen ein System zu bilden: »For the exogenously extended organizational complex functioning as an integrated homeostatic system unconsciously, we propose the term ›Cyborg‹. The Cyborg deliberately incorporates exogenous components extending the self-regulatory control function of the organism in order to adapt it to new environments.«20

Anders fand spät einen exakten genealogischen Titel für das von ihm unablässig beschriebene Konversionsgeschehen, das aus freien Wesen Konformisten der technischen Welt machen sollte und aus weltsetzenden Subjekten Adepten einer Anverwandlung an die Maschine, auf die alle Setzungsmacht fortan überzugehen schien: Er nannte es die »Tayloristische Drehung«. »Die Drehung«, so heißt es jedenfalls 1980, » – man könnte sie, analog zur ›kopernikanischen‹, die ›Tayloristische‹ nennen – ist […] vollkommen. Jeder, der einmal an einer Maschine gearbeitet hat, wird die Beobachtung gemacht haben, dass er diese erst dann als ›seine‹ betrachtet, wenn seine von ihrem Gange erforderten Handgriffe eingegleist waren und automatisch vor sich gingen – wenn er also ihrer war. Erst dadurch, dass wir uns an die Geräte adaptieren (nein, selbst diese Formulierung unterstellt noch zuviel Spontaneität), erst dadurch, dass die Geräte uns an sich adaptieren, kommt diejenige ›adaequatio‹, nämlich ›producti et homines‹ zustande, die es uns dann nachträglich erlaubt zu glauben, dass unsere Welt ›unsere‹, dass sie Ausdruck von uns heutigen Menschen sei.«21

Die adaequatio producti et homines stellte für Anders die neue »Adäquationsformel« dar des im tayloristischen Maschinenpark geprägten Adaptationswesens, die nicht mehr, »wie die frühere ›adaequatio rei et intellectus‹, die Wahrheit definiert, sondern unser unwahres Verhältnis zur Welt, bzw. unser opportunes Verhältnis zur bestehenden unwahren Welt«.22 Geburt und Durchsetzung der kybernetischen Einstellung und mit ihr die kybernetische Revolution erschienen so als Nachvollzug und Verschärfung der ursprünglich in der Taylorisierung der Arbeit ins Werk gesetzten Anpassung an die Maschinen, als ein umfassender, theoretischer und praktischer Taylorismus, der die Seinsverhältnisse und das ihnen entsprechende epistemologische Modell umgrub.

Die tayloristische, ontisch von asymmetrischen Mensch-Maschine-Kopplungen geprägte Welt erzeugte so gesehen sogar ihre eigene Ontologie und Epistemologie. Als Seiendes konnte unter tayloristischen Bedingungen nur gelten, was als »prospektiver Apparateteil« erschien. Das war nach Anders der Hauptsatz der neuen »›Ontologie der Apparate‹«.23 Er hat überdies die Erschütterung »unsere[r] (angeblich apriorischen) Kategorien«24 und reinen Anschauungsformen registriert und »Kategorienverluste, die wir als Kreaturen der Technokratie«25 durchmachen, aus Sicht der tayloristischen Drehung darzustellen versucht. Das ist in gewissem Sinne sogar der Hauptinhalt seiner Notate, wenn man sie als Zeugnisse der »verschwundenen Unterschiede«26 liest, an denen bislang der noch nicht an die Maschinen adaptierte Mensch seine Welt- und Erfahrungsorientierung gewann. »Gewisse kategoriale Gegensatzpaare«, so heißt es, »deren generelle philosophisch-anthropologische Gültigkeit wir zuvor nicht angezweifelt hatten, [sind] im Dasein des konformistischen Menschen nicht mehr zu entdecken«.27 Allen voran der Unterschied von Aktivität und Passivität oder, in transzendentalphilosophischer Sprache, von Spontaneität und Rezeptivität, hatte ausgedient. Zumindest als Fluchtpunkt dieser Analyse verwies Anders »auf die noch ungeschriebene ›Erkenntnistheorie des Industriezeitalters‹«, die durch einen »Umschlag in Passivität« gekennzeichnet ist, in der »nicht wir«, d.h. souveräne Erkenntnissubjekte, »die Welt anblicken«, sondern von der Welt »angeblickt werden«.28 Das »›noli me tangere‹«29 der transzendentalen Einstellung, das seine reinste Ausprägung kurz vor ihrem Ende bei dem gegen die Technisierung anschreibenden Husserl fand, wurde unter kybernetischen Verhältnissen ihrerseits als Illusion vorgeführt.

Als Subtext der ontologisch-epistemologischen Auslegungen der kybernetischen Einstellung verfolgte Anders freilich noch eine ganz andere gegenwartshermeneutische Spur. Die Kritik des Anpassungsverhaltens als Imperativ technischer Systeme zielte auch auf eine Entzifferung der technischen Ursprünge totalitärer Herrschaft überhaupt. In einer signifikanten Fußnote legt er diesen Grundzug seiner Analyse – wohlgemerkt auch als Botschaft an Hannah Arendt – offen:

Zumeist »gilt der Totalitarismus als eine primär politische Tendenz bzw. als ein primär politisches System. Und das halte ich für unwahr. Im Unterschied dazu wird hier die These vertreten, dass die Tendenz zum Totalitären zum Wesen der Maschine gehöre und ursprünglich dem Bereiche der Technik entstamme; dass die jeder Maschine als solcher innewohnende Tendenz, die Welt zu überwältigen, die nicht überwältigten Stücke parasitär auszunutzen, mit anderen Maschinen zusammenzuwachsen und mit diesen zusammen als Teile innerhalb einer einzigen Totalmaschine zu funktionieren – dass diese Tendenz die Grundtatsache darstelle; und dass der politische Totalitarismus, wie entsetzlich immer, nur Auswirkung und Variante dieser technologischen Grundtatsache darstelle. Wenn Sprecher von technisch höchst entwickelten Weltmächten seit Jahrzehnten behaupten, dem Prinzip des Totalitären (im Interesse der ›freien Welt‹) Widerstand zu leisten, so läuft, da das Prinzip des Totalitären ein technisches Prinzip ist und als solches von den ›Anti-Totalitären‹ natürlich nicht bekämpft wird und nicht bekämpft werden kann, diese Behauptung auf Irreführung hinaus, im besten Falle auf Einsichtslosigkeit«.30

Angepasstheit, Konformismus, Opportunismus, Mitläufertum und die Sehnsucht, nichts als ein Rädchen zu sein, die unter totalitären Bedingungen – wie Anders aus eigener Erfahrung wusste – ihre niederträchtigste und entsetzlichste Ausprägung finden, erschienen vor diesem Hintergrund ihrerseits als letztlich wenn nicht technisch induzierte, so doch zumindest technisch vorbereitete und eingeübte Phänomene. Die pervertierten Figuren des Mit-Seins in totalen politischen Systemen ließen sich mithin als Effekte der Mensch-Maschinenkopplungen in totalen technischen Systemen lesen. Das war der technopolitische Kern von Anders’ Kritik des »adaptive behaviour«.

Epimetheische Scham

Wie überhaupt noch gegenkybernetisch sprechen, so wäre zu fragen, wenn wir doch längst kybernetisch in der Welt sind, technototalitäre Geschöpfe darstellen und nur noch Adepten der Universalmaschine? Wo findet, so ist zu fragen, diese Kritik des »adaptive behaviour« selbst ihren Stand- und Beobachtungspunkt, von woher wird die große Erzählung über die kybernetische Dehumanisierung und die Technopolitiken der Adaptation formulierbar und wo findet die moralische Entrüstung, die sie durchzieht, ihren Halt und Grund?

Es ist der »unadaptable fellow«, der hier spricht, jene seltsame Begriffsperson gleichen Namens, die Anders (gleichsam als Gegen-Bloom) aus dem Hut zieht und die die »Linientreue« des Zeitalters unterwandern und Widerstand leisten soll gegen die große »Gerätekonversion«. Ihre Physiognomie, wenn man so sagen kann, das von ihr verkörperte Nichtanpassungsfähige, das Loch der kybernetischen Repräsentation, das dieses seltsame Geschöpf ist, wird uns am Ende den blinden Fleck der ganzen Analyse anzeigen, nämlich den diese tragenden antitechnischen Affekt, der Anders’ Denkanstrengung ihrerseits einschreibt in jenes Vergessen unserer technologischen Bedingung, wie es für einen großen, ja, wenn man Bernard Stiegler Glauben schenkt, sogar für den Hauptstrang unserer philosophischen Überlieferung konstitutiv ist.

Anders musste sich statt in Maschinenhallen erst einmal in die Ritualhöhlen von Harlem begeben und dem »industriellen Dionysos-Kult« des Jazz beiwohnen, um den unadaptable fellow als antikybernetischen und antitayloristischen Hoffnungsträger zu erfinden. Die Tatsache, dass der Mensch überhaupt »ein eigenes und ausdrückliches Identifizierungs-Ritual« mit der »Geräte- und Maschinenwelt« begehen muss, wie es für ihn der Jazz darstellen sollte, wurde von Anders als »Symptom« der Tatsache ausgelegt, »dass gewöhnlich die Identifizierung nicht gelingt«. Im Jazz erzeugte der Mensch sich eine maschinische »Wahnsituation«, will sagen einen »Spezialapparat«, um »seine eigene Maschinisierung« ins Werk zu setzen, die ihm mit Hilfe reeller Maschinen nicht gelang. Er brauchte offenbar einen »motorischen Mitvollzug« der großen industriekulturellen Metamorphose durch den Tanz zur »›Maschinenmusik‹«, den Zwang synkopischer Maschinentaktung, »eine Abdankungs- und Gleichschaltungsfeier« und »enthusiastische Pantomime der eigenen Niederlage«, den rituellen Ausdruck der vom Human-Engineering nüchtern gepredigten »Industrie-Religion«, gerade weil etwas sich dem Mitfunktionieren und der großen Verwandlung entzog und unablässig dagegen opponierte.

An der Echtheit der Ekstase und des Außer-Sich-Seins der »Opfertänze, die dem Baal der Maschine zu ehren zelebriert«31 wurden, war jedenfalls für Anders nicht zu zweifeln. Dafür gab es starke musikontologische Gründe, die er selbst mehr als zwei Jahrzehnte früher formulierte. In den unpublizierten Philosophischen Untersuchungen über musikalische Situationen, die um 1930 entstanden, wurde der »Mitvollzug« des Bewegungssinns der Musik, das »Mitgehen« und »Mitgerissenwerden«, als originäre Möglichkeit von »Umstimmung und Verwandlung« herausgehoben, die der menschlichen Existenz aufgrund der »Unfestigkeit und Unendgültigkeit« ihres So-Seins grundsätzlich und das heißt auch in anderen Modi zukommen. Anders sprach hier auf negativ-anthropologischer Basis vom »Verwandlungssinn der musikalischen Situation«. Was die musikalische Verwandlung von anderen Verwandlungspraktiken wie etwa der Schauspielerei oder diversen magischen Metamorphosezaubern (etwa dem Jagdzauber) abhob, war ihre Freiheit von Verstellung und Täuschung, ihre Echtheit (»echte Verwandlung«) und tiefe anthropologische Dimension. »Musik«, so hieß es, »ist Musik des Menschen: in ihr verwandelt der Mensch sich selbst; die Möglichkeit der Bezauberung und der Situation, in die er sich in der Musik hineinzaubert, liegt in ihm selbst.« Die musikalische Situation war »Verwandlung des Menschen in eine seiner Dimensionen«.32 Und die Musik hatte als Medium der »Gelöstheit« auch durchaus eine soteriologische Dimension.33 Dass sie in ihrem Kern eine durch und durch technikfreie Zone darstellen sollte, zeigt sich daran, dass gemäß Anders’ Untersuchung echte musikalische Verwandlung und Umstimmung ihre »eigentliche Verwirklichung«34 allein in der Gelöstheit der Stimme fanden.

Der Einbruch des Maschinismus in die musikalische Selbstverwandlungsdomäne des Menschen, als den er den Jazz wahrnahm, musste Anders als ein äußerst ambivalentes Symptom gelten: Einerseits zeigte er ihm die ganze Dramatik der geschichtlichen Situation, andererseits aber etwas Rettendes an, war er doch auch ein Anzeichen dafür, dass offenbar außerhalb der musikalischen »Enklave« die »Ko-substanzialität«35 mit der Maschine immer nur unvollständig, nie restlos gelang und allein deshalb der Rekurs auf die musikalische Verwandlungskunst zur Beförderung der allgemeinen Transformation der Einstellung notwendig zu sein schien.

Schon hier zeigen sich allerdings die Tücken der anthropologischen Technikauslegung, wie sie Anders’ Denken grundierte. Denn streng genommen ist schon »Maschinenmusik«, jedenfalls auf Grundlage seiner eigenen Musikontologie, ein ganz und gar unmöglicher Begriff und die Maschinisierung der musikalischen Situation undenkbar: Im Augenblick ihrer Dehumanisierung wäre die musikalische Situation je schon zerstört, in dem Moment, wo sie den Menschen in etwas Nicht-Menschliches verwandeln, die menschliche Dimension überschreiten und die Szene seines Maschinewerdens abgeben sollte, hätte sie immer schon gerade ihren streng auf den Menschen bezogenen Verwandlungssinn eingebüßt. Es sei denn, und darauf kommt es freilich an, die Verwandlung ins Nicht-Menschliche gelte umgekehrt selbst als originär menschliche Dimension, als die konstitutive andere Dimension des Menschen, die diesem ursprünglich zugehört, ihm mitursprünglich ist. Damit aber zerfiele wiederum die zentrale Unterscheidung in echte und unechte Verwandlungsmöglichkeiten des Menschen, die diese negative Anthropologie der Musik von Anfang an organisiert; ihre operative Grenze, die die Technik wohl immer schon auf die Seite des Unechten stellte, zeigte sich so als vollkommen unbestimmbar an. Wir werden noch sehen, dass genau diese Selbstzersetzung und Autodekonstruktion unablässig am Werk ist in dieser wie in jeder negativen Anthropologie, die das Technische als Möglichkeit des Menschen denken und es zugleich doch als sein Anderes beschränken will, die also nicht weit genug geht in ihrer Ansetzung von Unbestimmtheit, Nichtfestgelegtheit und originärer Negativität, nicht weit genug im Denken von Exteriorisierung und Exteriorität, eines ursprünglichen Draußen-Seins, einer konstitutiven Entäußerung des Menschen, negative Anthropologie, die also den letzten Schritt in die Selbstannullierung ihres mehr oder weniger latenten Anthropozentrismus nicht vollzieht.36

Was hintertreibt aber nun nach Anders die vollkommene Identifizierung mit der Maschine und was soll ausgetrieben werden in den modernen Dionysien? Gegen das in seiner Mächtigkeit selbst noch die Macht des Triebs übertrumpfende »Apparate-Es« sträubte sich ein »ich-hafter Rest«. Es war das »alte Ich« aus mindestens vorkybernetischen und vortayloristischen Tagen, das da unzeitgemäß insistierte, ja »das altmodische Wesen, das zwar, vor der Geburt der Maschine, seine raison d’être gehabt haben mochte; nun aber, da seine Anverwandlung an das Apparat-Es obligat geworden ist, sein Daseinsrecht verspielt hat«. Anders’ Kritik der kybernetischen Einstellung wird immer schon genau auf dieses Ich »vor« der Maschine, auf das survival der einer ursprünglich vormaschinischen Situation entstammenden Subjektivität gesetzt haben, das eine Störung der Identifizierung des Menschen mit der Maschine induzierte und eine unhintergehbare »Identitätsstörung« produzierte. Der Träger und die Verkörperung dieses geschichtlichen »Rückstandes« und als solcher »nichts als ein skandalöses Nicht-Gerät« – das war auch schon das Schreckgespenst des Scientific Management, der »›unadaptable fellow‹«. Der Abweichler hieß auch der »auffällige Niemand«37 der Maschinenkultur. Genau dieser Niemand soll die Entzifferung des technologischen Dispositivs leisten, die ganze Last der Kritik tragen, ihr wesentlicher Zeuge sein und ihr Urteil gegen die Technik beglaubigen.

Der Rekurs auf das Vormaschinische und Vortechnische ist eine, ja vielleicht die zentrale Geste aus dem Archiv der philosophischen Operationen: Anders wiederholt sie in aller Entschiedenheit und Konsequenz angesichts der im starken Sinne technologischen Bedingung, der wir als Folge der industriellen Revolutionen und noch mehr der Kybernetisierung unterstehen und die uns heute die Frage nach der Technik von neuem und dringlicher denn je aufzwingt. Infolge dieser Wiederholung wird sein ganzes kritisches Projekt, obwohl es unablässig von der Technik spricht, gerade zu einem einzigen Monument von Technikvergessenheit geraten. Bernard Stiegler hat durch seine präzise Bestimmung unserer technologischen Bedingung die vortechnische Illusion der Philosophie, die hier bei Anders noch einmal so mächtig zu Buche schlägt und in seiner Begriffsperson des unadaptable fellow Gestalt annimmt, entblößt: Stiegler denkt sie als »techno-logische Bedingung«, als »zugleich technische und logische Bedingung«, die »von Anfang an dem Gefüge eingeschrieben [ist], das Sprache und Werkzeug zusammen bilden und das dem Menschen seine Exteriorisierung ermöglicht«.38 Die Philosophie – und das ist ihre Einschreibung in die technologische Bedingung, gleichsam ihre technologische Signatur – muss sich, so Stiegler, gerade »dieser technologischen Bedingung von Anfang an stellen« und sie bezeugen, sie tut dies »jedoch[,] indem sie sie verdrängt und verneint«; die Philosophie beginnt demnach »mit der Verdrängung ihrer eigenen Frage«.39 Der Verdrängungs- und Verneinungszusammenhang, in dem die Philosophie sich mindestens aufhält, wenn sie ihn nicht sogar darstellt, wurde von Stiegler dabei als »Vergessen des Epimetheus«, als »Vergessen des Vergesslichen«40 dechiffriert.
Seit Platon im Protagoras (321c ff.) berichtete, dass Epimetheus bei seiner Verteilung der Kräfte an die sterblichen Geschlechter den Menschen vergaß, ihn völlig nackt beließ und Prometheus schließlich außer dem Feuer auch die »kunstreiche Weisheit« (entechnon sophia) für den Unbedachten stahl – Gabe, vergessen wir das nicht, aus der gemäß dieser Erzählung schlussendlich auch der logos kam –, sind Techniken und Künste und mit ihnen die ursprüngliche Unvollständigkeit des technischen Wesens selbst eigentümlicherweise mit dem Vergessen konnotiert und aus der Erinnerungsarbeit der Philosophie verbannt, die den reinen, nicht-technischen logos ins Werk setzten und am Werk sehen will.41

Anders hat selbst den Schlüssel zur Archäologie seines ganzen Unbehagens an der Technik und seiner unablässig gegen die Technik ansprechenden Technikvergessenheit geliefert: Er hat das zentrale Gefühl des Menschen im Angesicht der Maschine ausgerechnet die »prometheische Scham« genannt, ließ dabei aber deren Vorbedingung, das Vergessen des Epimetheus, höchst symptomatisch gerade unerwähnt. Dass das selbst schon prometheisch zu nennende Gleichgewicht von Herstellen und Vorstellen verloren und das Herstellen schließlich ins Unvorstellbare überging, dieses prometheische Gefälle, das den Erben des Prometheus nach Anders berühmter Analyse die Schamröte ins Gesicht treiben sollte angesichts der Perfektion der von ihnen hervorgebrachten Geräte, wurde seinerseits, das hat Anders’ Verschweigen von Prometheus’ Bruder unterschlagen, nur auf Basis des epimetheischen Vergessens möglich. Keine prometheische, wohl aber eine epimetheische Scham sollte uns, vor allem uns Philosophen, überkommen, und dies weniger angesichts des Vergessens des Epimetheus, das den Mensch nackt beließ, als vielmehr angesichts unserer eigenen Technikvergessenheit, wo wir doch zuerst epimetheische Geschöpfe sind.

Für einen kurzen Augenblick hat Anders selbst eine konstitutive Artifizialität des Menschen und statt einer traditionellen prometheischen eine ungewöhnliche epimetheische Lektüre des Menschen erwogen. Auf der ersten Seite seines 1930 vor der Kant-Gesellschaft in Frankfurt am Main vorgetragenen Textes Pathologie de la liberté ist im Bezug auf die condition humaine zu lesen: »Aucun monde de même ne lui est effectivement imposé (comme par exemple à tout animal un milieu spécifique), mais il transforme plutôt le monde et édifie par dessus celui-si, selon mille variantes historiques et en quelque sorte en tant que superstructure, tantôt tel autre. Car, pour en donner une expression paradoxale, l’artificialité est la nature de l’homme et son essence est l’instabilité.«42

Die signifikante Instabilität des Menschen, von der die Rede war, hätte auf direktem Wege zu einer Lektüre der späteren kybernetischen Sehnsüchte führen können: das kybernetische Adaptationsdenken zeigte sich nämlich vor diesem Hintergrund als Ausdruck eines hypertechnischen Stabilitätsbegehrens des per se instabilen Wesens an – entsprechende Symptombildungen des technopolitischen Epochenimaginären eingeschlossen.

Anders aber entschied sich angesichts der technischen Verschärfung gerade für die Verwerfung seiner frühen radikalen Prothesentheorie und seiner so weit reichenden epimetheischen Intuition. Philosophische Anthropologie, auch und vor allem seine eigene negativ-anthropologische Unfestgelegtheitslehre, erschien ihm ein Vierteljahrhundert später sogar als Effekt und Symptombildung der Technisierung selber. »Wenn Verf. 1930«, so wird er 1956 nach dem Technologieschub des Weltkriegs und dem Eintritt in die neue Welt der Informationsmaschinen schreiben, »in seiner ›Weltfremdheit des Menschen‹ […] den Menschen als ›unfestgelegt‹, ›indéfini‹, ›nicht zu Ende geschaffen‹ – kurz: als ›freies und undefinierbares Wesen‹ definierte; als Wesen, das sich nur durch das, was es jeweils aus sich mache, definiere und definieren könne […], so handelte es sich um einen verspäteten Versuch, die (natürlich auch damals schon bestehende) Tatsache des ›Austauschs der Subjekte der Freiheit und Unfreiheit‹ durch die Überbetonung einer philosophisch-anthropologischen Freiheit in den Hintergrund zu schieben.«43

Anders problematisierte, dass »das Tier«, »Gefangener seines Spezies-Schicksals«, als »Folie« der Anthropologien der Unfestgelegtheit fungiert hatte und nicht »die effektive Folie des menschlichen Daseins«, wie etwa »Glühbirnenfabriken und Rundfunkapparate«, sprich »die vom Menschen gemachte Welt der Produkte«,44 sie darstellten.

Gerade die Technisierung musste als geschichtliches Argument für das Manöver herhalten, das Denken des Technischen, das im radikal prothetischen Denken sich ankündigt, als Unfreiheitsdenken zu verwerfen und das Technische selbst erneut als wesentliches Vergessen des Menschen zu werten. Es ist unbenommen, dass Prothesentheorien seit Ernst Kapp immer auch eine Reaktion auf die Technisierung darstellen – allerdings nicht als bloße Ideologiebildungen des technischen Zeitalters, sondern als mögliche Bearbeitungen und als Ausdruck der Aufgabe, die uns von der zunehmenden Unabweisbarkeit der technischen Frage selbst gestellt ist, nämlich den Ort der technischen Frage als solcher zu klären. Die Zeit des philosophischen Vergessens und des kritisch-anthropologischen Schlafs, da Techniken noch als das Andere des Menschen abzuwehren und nicht als dessen Bedingung zu begreifen waren, ist unwiderruflich vorbei. Das war schon zu Anders’ Zeiten so.

Dass gerade die Frage von Anpassung und Unangepasstheit sich jenseits philosophischer Redogmatisierungsversuche auch zu einem Denken der originären Mitgeschichtlichkeit von Mensch und Technik wenden lässt und das Technische selbst keine Sache des Vergessens des Menschen, sondern gerade das Konstituens und der Inbegriff seines sozialen Gedächtnisses als dem seiner Operationsprogramme ist, hat zur selben Zeit etwa wie Anders und ganz explizit vor kybernetischem Hintergrund André Leroi-Gourhan vorgeführt. In den beiden Bänden von La geste et la parole wird das Werden des Menschen gerade als Werden des Technischen entworfen und umgekehrt, erscheint der Mensch als prinzipiell physisch wie mental inadaptives, qua Veräußerlichung in einer technischen »superstructure« sich fortwährend hervorbringendes und herausbildendes Wesen, ohne dass sich deshalb sagen ließe, dass es jemals zuvor so etwas wie ein nicht-technisches, aninstrumentelles Inneres des Menschen gab. Der Mensch wird in aller Radikalität als ursprüngliches Außen und als ursprünglich im Außen befindlich begriffen, er bewegt sich immer schon in einem Exteriorisierungsprozess, er ist dieser Prozess und vor bzw. ohne ihn wird er auch nicht gewesen sein.45

Was es aber nun genau heißen könnte, nicht nur zu mehreren, sondern auch noch mit Maschinen und mit Dingen, mit technischen Objekten gemeinsam zu sein, ja, wie wir heute sogar noch jenseits aller überkommenen Objektfixierung sagen müssen: sich in technoökologischen Verhältnissen allgegenwärtiger »atmosphärischer Medien« (Mark B. N. Hansen) und umgebender Techniken und in diesem Sinne radikal environmental verfasst zu befinden und unsere gegenwärtige technologische Bedingung in ihrer ganzen spezifischen Geschichtlichkeit zu erkunden, das ist die ontotechnologische Grundlagenfrage unserer Tage, die als solche erst noch zu verstehen ist. Es fehlt uns immer noch, was Anders prinzipiell als Problem erkannt, allerdings nicht geleistet hat und nicht leisten konnte, nämlich eine Beschreibung und neue Kritik der kybernetischen Einstellung, die erst heute voll entfaltet und zu unserem Normalstil geworden ist.

1. Max Bense: »Kybernetik oder Die Metatechnik einer Maschine« (1951), in: Ders.: Ausgewählte Schriften, Bd. 2, Stuttgart, Weimar 1998, S. 429–446.

2. Günther Anders: Die Antiquiertheit des Menschen. Zweiter Band: Über die Zerstörung des Lebens im Zeitalter der dritten industriellen Revolution, München 1980, S. 119.

3. Ebd., S. 9; vgl. auch S. 277ff.

4. Vgl. Edmund Husserl: »Die Krisis des Europäischen Menschentums und die Philosophie« (1935), in: Ders.: Die Krisis der Europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie, hg. v. Walter Biemel, Den Haag 1962, S. 314–348, hier S. 326.

5. Zur frühen kybernetischen Umwendung vgl. Michael Hagner und Erich Hörl (Hg.): Die Transformation des Humanen. Beiträge zur Kulturgeschichte der Kybernetik, Frankfurt/M. 2007. Zum Prozess der Kybernetisierung vgl. Erich Hörl: »Die technologische Bedingung«, in: Ders. (Hg.): Die technologische Bedingung. Beiträge zur Beschreibung der technischen Welt, Frankfurt/Main 2011. Vgl. auch Tiqqun: Kybernetik und Revolte, Zürich, Berlin 2007.

6. Norbert Wiener, Arturo Rosenblueth und Julian Bigelow: »Behaviour, Purpose and Teleology«, in: Philosophy of Science, 10 (1943), S. 22.

7. Zur protokybernetischen Geschichte von Servomechanismen vgl. David A. Mindell: Between human and machine. Feedback, control, and computing before cybernetics, Baltimore 2002.

8. Vgl. dazu Andrew Pickering: »Kybernetik und die Mangel: Ashby, Beer und Pask«, in: Ders.: Kybernetik und neue Ontologien, Berlin 2007, S. 87–126, hier S. 92ff.

9. Zur Geschichte der biologischen Regulation und des Begriffs der Homöostase, die in die Kybernetik münden, vgl. Georges Canguilhem: »Die Herausbildung des Konzeptes der biologischen Regulation im 18. und 19. Jahrhundert«, in: Ders.: Wissenschaftsgeschichte und Epistemologie. Gesammelte Aufsätze, hg. v. Wolf Lepenies, Frankfurt/Main 1979, S. 89–109; zu Walter B. Cannons homöostatischer Physiologie des Sozialen, die die Soziokybernetik der Adaptation unmittelbar vorbereitete, vgl. Jakob Tanner: »›Weisheit des Körpers‹ und soziale Homöostase. Physiologie und das Konzept der Selbstregulation«, in: Philipp Sarasin und Jakob Tanner (Hg.): Physiologie und industrielle Gesellschaft. Studien zur Verwissenschaftlichung des Körpers im 19. und 20. Jahrhundert, Frankfurt/M. 1998, S. 129–169.

10. Marshall McLuhan: »Cybernetics and human culture« (1964), in: Ders.: Understanding me. Lectures and Interviews, hg. von S. McLuhan und D. Staines, Cambridge/MA 2003, S. 44–55.

11. Andrew Pickering: »Mit der Schildkröte gegen die Moderne. Gehirn, Technologie und Unterhaltung bei Grey Walter«, in: Henning Schmidgen, Peter Geimer und Sven Dierig (Hg.): Kultur im Experiment, Berlin 2004, S. 115f.

12. Zur Geschichte der Kalkülisierung der Nerven mit Fokus auf die Pionierarbeit von Warren McCulloch und Walter Pitts vgl. Lily Kay: »Von logischen Neuronen zu poetischen Verkörperungen des Geistes«, in: Claus Pias (Hg.): Cybernetics – Kybernetik. The Macy-Conferences 1946–1963, Band II: Essays & Dokumente, Berlin, Zürich 2004, S. 169–190; vgl. auch Erich Hörl: »Parmenideische Variationen. McCulloch, Heidegger und das kybernetische Ende der Philosophie«, in: Pias, Cybernetics – Kybernetik II, S. 209–226.

13. Die Kybernetik zweiter Ordnung, die seit den späten sechziger Jahren durch Heinz von Foerster, Francisco Varela, Humberto Maturana u.a. das kybernetische Programm nachhaltig reformiert wurde, wird sich genau durch die Abkehr von der in der Dominanz des Adaptationsbegriffs sich anzeigenden behaviouristischen Erbschaft der Kybernetik erster Ordnung von dieser unterscheiden. Das »adaptive behaviour« stellte das Leitwort – und das Anpassungsproblem das Leitproblem – lediglich der Kybernetik erster Ordnung dar. Vor allem Heinz von Foerster wird die Kybernetik zweiter Ordnung explizit und ganz entschieden gegen diese Dominanz des Adaptationsproblems formulieren: Das Verhalten von Organismen wird dabei nicht mehr als adaptives, sondern als manipulatives Verhalten und als Lernproblem reformuliert werden; in den Vordergrund rückt dann das Problem, dass Organismen als selbstreferentielle Organismen sich nicht an die Umwelt adaptieren, sondern ihrerseits lernen, die Umwelt zu manipulieren, sie von einer nicht-trivialen in eine triviale Maschine zu überführen. Ein entscheidender Aufsatz, der diese Absetzung von der Adaptationsfixierung der Kybernetik erster Ordnung durchbuchstabiert, ist Heinz von Foerster: »Molekular-Ethologie: ein unbescheidener Versuch semantischer Klärung«, in: Ders.: Wissen und Gewissen. Versuch einer Brücke, hg. v. Siegfried J. Schmidt, Frankfurt/Main1993, S. 149–193. Andrew Pickering hebt in den erwähnten Arbeiten, vor allem aber auch in seiner großen Monographie The Cybernetic Brain. Sketches of another future (Chicago, London 2010) ausschließlich auf die Adaptation als entscheidenden Zug der Kybernetik ab, freilich ohne auch nur einen Moment lang zu erwägen, dass dies am Kern der Kybernetik zweiter Ordnung vollkommen vorbeigeht und für die Beschreibung der Kybernetisierung als solcher nicht hinreicht. Pickerings Arbeiten sind als ein Beitrag zur Faszinationsgeschichte der Adaptation zu lesen, der sie freilich ihrerseits noch voll unterstehen. Ich danke Bruce Clarke für die ausführliche Diskussion dieser Problematik.

14. Alle Zitate: Günther Anders: Die Antiquiertheit des Menschen. Erster Band: Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution (1956), München 1984, S. 36–43.

15. Günther Anders: Der Blick vom Mond. Reflexionen über Weltraumflüge (1970), München 1994, S. 12.

16. Ebd., S. 13.

17. Den hier lediglich angezeigten tiefgreifenden Veränderungsprozess des Sinns der Technik durch den Übergang von der Technik zur Technologie, der letztlich noch den Sinn des Sinns selbst transformiert, untersuche ich in meinem Aufsatz »Die technologische Sinnverschiebung«, in: Lorenz Engell, Jiri Bystricky und Katerina Krtilova (Hg.): Medien denken. Von der Bewegung des Begriffs zu den bewegten Bildern, Bielefeld 2010, S. 17–36.

18. Die Differenz von klassischen und transklassischen Maschinen, die hier die technologische Sinnverschiebung schematisiert, wurde von Gotthard Günther geprägt. Gilbert Simondon hat zur selben Zeit diese technologische Sinnverschiebung als Übergang vom minoritären zum majoritären Status des technischen Objekts und als Geburt des »offenen Objekts« sowie der »offenen Maschine« reflektiert.

19. Andrew Pickering hat den wissens- und mediengeschichtlichen, genauer: den kybernetischen Kontext beschrieben, der hinter dem Hervortreten des Hybriditätsgedankens steht, welcher später von Bruno Latour und anderen zu einem methodischen Prinzip erhoben wurde und zum Kern einer neuen symmetrischen Anthropologie von Menschen und Dingen. Vgl. Andrew Pickering: »Cyborg History and the World War II Regime«, in: Perspectives on Science, 3 (1995), S. 1–48.

20. Alle Zitate: Manfred E. Clynes und Nathan S. Kline: »Cyborgs and Space«, in: Astronautics, Sept. 1960, reprinted in: The Cyborg Handbook, hg. v. Chris H. Gray, New York, London 1995, S. 29–33.

21. Anders: Die Antiquiertheit des Menschen II, a.a.O., S. 424.

22. Ebd.

23. Ebd., S. 111.

24. Ebd., S. 9; S. 425f.; zur Erschütterung der reinen Anschauungsformen s. S. 335ff.

25. Ebd., S. 31.

26. Ebd., S. 184.

27. Ebd.

28. Ebd., S. 311.

29. Günther Anders: Über Heidegger, hg. v. Gerhard Oberschlick, München 2001, S. 179.

30. Anders: Die Antiquiertheit des Menschen II, a.a.O., S. 439.

31. Alle Zitate: Anders: Die Antiquiertheit des Menschen I, a.a.O., S. 83–94.

32. Alle Zitate: Ders.: Philosophische Untersuchungen über musikalische Situationen (um 1930), unveröffentlichtes Manuskript, S. 82–102.

33. Zur musikalischen Soteriologie von Anders vgl. Thomas Macho: »Die Kunst der Verwandlung. Notizen zur frühen Musikphilosophie von Günther Anders«, in: Konrad Paul Liessmann (Hg.): Günther Anders kontrovers, München 1992, S. 89–102, insb. 98ff.

34. Ebd., S. 102.

35. Anders, Die Antiquiertheit des Menschen II, a.a.O., S. 89.

36. Das Denken der wesentlichen Exteriorität des Menschen, der jede negative Anthropologie kennzeichnet, ist konstitutiver Bestandteil einer lang dauernden Mangelfaszination des Okzidents, die es heute grundsätzlich zu überdenken gilt. Die Frage ist, ob unter technologischen Bedingungen Technizität überhaupt noch als eine Sache der Exteriorisierung bzw. Exteriorität zu denken ist. Die konvergierenden Technologien zeigen umgekehrt gerade eine fundamentale Interiorisierungsbewegung an, die möglicherweise zuerst immanenzphilosophisch zu begreifen ist. Vgl. dazu Erich Hörl: »Wunsch und Technik. Stieglers Genealogie des Begehrens«, in: Bernard Stiegler: Hypermaterialität und Psychomacht, hg. v. Erich Hörl, aus dem Französischen von Ksymena Wojtyczka, Zürich, Berlin 2010, S. 7–33.

37. Alle Zitate: Anders, Die Antiquiertheit des Menschen II, a.a.O., S. 89–95.

38. Bernard Stiegler: Denken bis an die Grenzen der Maschine, hg. v. Erich Hörl, aus dem Französischen von Ksymena Wojtyczka, Zürich, Berlin 2009, S. 27.

39. Ebd., S. 28.

40. Ders.: Technik und Zeit. Der Fehler des Epimetheus, aus dem Französischen von Gabriele Ricke und Ronald Voullié, Zürich, Berlin 2009, S. 243; vgl. zum Folgenden S. 243–266.

41. Hans Blumenberg, um einen anderen nichtdogmatischen Zeugen für das Vergessen der instrumentellen Kondition aufzurufen, kam anlässlich der Lektüre der sophistischen Szene und ihrer Folgen zu einem ähnlichen Befund. Anfänglich schon, sodass durchaus von einer Anfangsbedingung der Philosophie gesprochen werden kann, wurden Technik und Theorie, so Blumenberg, scharf voneinander getrennt. Es sei »zum Schicksal der Philosophie geworden, die Selbstbehauptung ihrer Substanz nur gegen die ›Technik‹ im weitesten Sinne leisten zu können«. Die wichtigste, weil lang dauernde Figur dieser Selbstbehauptung sei die in höchster Konsequenz schließlich von Lukrez explizierte »Vorstellung von einem vortechnischen Daseinsstatus des Menschen« gewesen, die Vorstellung vom Menschen als einem »seiner ursprünglichen und verbindlichen Natur nach […] atechnischem Wesen«, auf die noch alles neuzeitliche Unbehagen an der Technik und der moderne kulturkritische Affekt zurückgehen. Vgl. Hans Blumenberg: »Lebenswelt und Technisierung unter Aspekten der Phänomenologie« (1963), in: Ders.: Wirklichkeiten in denen wir leben, Stuttgart 1996, S. 14f.

42. Günther Stern: »Pathologie de la liberté. Essai sur la non-identification«, in: Recherches philosophiques, 1936, S. 22.

43. Anders: Die Antiquiertheit des Menschen I, a.a.O., S. 327.

44. Ebd.

45. Es ist hier nicht möglich, der Brisanz von Leroi-Gourhans Arbeit auch nur annähernd gerecht zu werden. Eine pointierte Darstellung zur ersten Orientierung gibt Bernard Stiegler: »Leroi-Gourhan: l’inorganique organisé«, in: Cahiers de Médiologie, 6 (1998), S. 187–194.

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Erich Hörl

Erich Hörl

ist Professor für Medienkultur an der Leuphana Universität Lüneburg. Zuvor lehrte er Medientechnik und Medienphilosophie an der Ruhr-Universität Bochum. Seine gegenwärtigen
Arbeitsschwerpunkte sind: Allgemeine Ökologie, Kritik der Kybernetisierung, Technoökologien der Teilhabe, Faszinationsgeschichte von Nicht-Modernität.

Weitere Texte von Erich Hörl bei DIAPHANES
Peter Berz (Hg.), Marianne Kubaczek (Hg.), ...: Spielregeln. 25 Aufstellungen

Spielregeln eröffnen ein Feld, in dem das Denken des Konkreten mit dem des Abstrakten immer schon konvergiert. Sie geben Urszenen einer kultur- und medienwissenschaftlich erweiterten Philosophie zu denken. Das hier vorliegende Buch versammelt fünfundzwanzig Spielregeln um das Werk eines Wissenschaftlers, der wie kaum ein anderer dem Denken des Konkreten als Allgemeines verpflichtet ist.

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