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Surreal, hyperreal, rabenschwarz: Tim Etchells' Mikrogeschichten

Tim Etchells

Wer träumt dass Wahrheit Lüge ist?
Eine wahre Geschichte von der Erde und den Göttern

Übersetzt von Astrid Sommer

Aus: Endland, S. 21 – 31

Als dem Gott Apollo 12 und der Göttin Helena Söhne geboren wurden, war das das Thema im Himmel und am Namenstag der Zwillinge ­(Haferbrei und Spachtel) gab es eine Party, die die meisten nicht so leicht vergessen und an die manche sich nicht so leicht erinnern werden. Wein floss aus den Kanistern als gäbe es nie ein Ende und alle lachten laut und trugen diese mit phosphoreszierender gelber Flüssigkeit gefüllten Halsketten, was die Menschen zur Bonfire-Night verkaufen.


Gegen Ende des Tages, als die Kindlein schliefen und alle älteren Götter von der »Medizin« dösig waren, kämpften und tanzten die jüngeren Götter wie Herpes und Vesuv. Die junge Göttin Anastasia und einige andere hatten ihre phosphoreszierenden Ketten geöffnet und schnippten die Flüssigkeit wie einen leuchtend gelben Regen durch den Himmel auf die Erde. Überall auf der Welt schauten die Leute nach oben und schauten sich um – sie wussten, dass sich im Himmel irgendwas Tolles abspielen musste.


Nun, auf der Erde lebte zu dieser Zeit ein sehr hübsches Mädchen namens Naomi, und als Haferbrei und Spachtel älter wurden, verliebten sich beide in sie und machten daraus keinen Hehl – sie kamen auf die Erde und sagten es ihr, schickten Blumen und feinste Pralinen usw. ­Haferbrei und Spachtel waren in jeder Hinsicht unzertrennlich und Freunde – sie liebten es, zusammen geklaute Autos zu Schrott zu fah­ren, Kampfdrachen steigen zu lassen oder zu Beerdigungen zu gehen. Doch wie die Zeit so dahintröpfelte, wurde ihre Rivalität um die Liebe zu Naomi immer größer und sie verkrachten sich. Der eine nannte den anderen eine total verlogene blöde Sau und der andere schwor, nie mehr mit diesem Vollidioten zu reden.


Natürlich versuchten andere Götter – Scalectrix, Arschficker und Stricher – ein ernstes Wort mit den Zwillingen zu reden, sagten, es sei nicht göttlich, sich wegen einer Frau zu streiten und die Verhältnismäßigkeit müsse gewahrt bleiben – es nützte alles nichts. Erst als Haferbrei und Spachtel sich eine große Schlägerei in Yates’ Wine Lodge lieferten, bei der ein Schaden von mehr als 100 £ entstand, intervenierte ihre Mutter Helena.


Die Zwillinge stimmten ihrem Vorschlag zu, einen Wettkampf zu veranstalten. Der Gewinner würde um Naomi werben dürfen, während der Verlierer sich umgehend zu verpissen und sich fortan verdammt nochmal rauszuhalten hätte. Soweit einigte sie sich mit den Jungs darüber, überließ es aber ihnen, die »genaue Beschaffenheit«© des Wettkampfs unter sich auszumachen. Mit diesem Detail gingen die Probleme erst richtig los.


In Endland (sic!) gab...

  • Gegenwartsliteratur
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Tim Etchells

Tim Etchells

arbeitet als Theaterautor und Performer, Regisseur und Schriftsteller. Einem breiten Publikum ist er vor allem durch seine Arbeit mit der Performance-Gruppe »Forced Entertainment« bekannt, die er 1984 gründete: eines der einflussreichsten Theaterprojekte der letzten Jahrzehnte. Daneben erschloss sich Etchells andere künstlerische Ausdrucksformen als Schriftsteller (»Endland Stories« erschien erstmals 1999, im Jahr 2001 folgte »Dictionary for the Modern Dreamer«) und Performance-Künstler. Tim Etchells lebt im nordenglischen Sheffield und in New York.

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Tim Etchells: Endland

Tim Etchells

Endland

Übersetzt von Astrid Sommer

Gebunden mit Schutzumschlag, 240 Seiten

Maria hat wundertätige Kräfte und setzt den verkorksten Typen aus der Siedlung die Köpfe wieder ein, wenn sie sich aus der Verankerung gelöst haben. Von einem Tag auf den anderen wird Lisa von sämtlichen Automatiktüren der Stadt ignoriert – sie öffnen sich einfach nicht mehr. Wenn Homers »Ilias« nach Endland (sic) verlegt wird, heißen die Götter Haferbrei und Spachtel, Helena, Apollo 12, Aldi und Blowjob, und der Krieg findet in einer »gesetzlich vorgeschriebenen, jeden Samstag auf sämtlichen Kanälen laufenden« Quizsendung statt. Zwischen Sherwood Forest und Computerspiel, den Vorstadtsiedlungen, Einkaufshöllen und namenlosen Schlachtfeldern unserer Gegenwart sind die prekären Landschaften Endlands angesiedelt. Seine Trümmerfelder sind bevölkert von dilettierenden Zeitreisenden, Nacktputzern, Mördern und Fernsehansagern, von Mutanten, herumvagabundierenden Kindern, alleinerziehenden Müttern und marodierenden Söldnern. Virtuos verschränkt Tim Etchells verschiedenste Genres und Versatzstücke, spielt mit abgenutzten Wendungen aus Slang, Fernsehen und Popkultur, Werbung und Klatschpresse. Eine Schreibweise, die bisweilen geradezu körperlich schmerzt und zwischen irrwitziger Komik, äußerster Brutalität und abgründiger Traurigkeit hin und her schaltet. Eine Schreibweise, die sich nicht lange mit Realismus aufhält. Tim Etchells ist hierzulande vor allem durch seine Arbeit mit Forced Entertainment bekannt, »der derzeit brillantesten Theatergruppe Großbritanniens« (The Guardian). Mit »Endland« legt er ein Kompendium sardonischer Kurz- und Kürzestgeschichten, Gruselmärchen und Lehrfabeln für das digitale Zeitalter vor. Für den deutschen Leser wurde die Sammlung um elf bislang unveröffentlichte Texte erweitert.