Nutzerkonto

Surreal, hyperreal, rabenschwarz

Tim Etchells

Frauentauscher

Übersetzt von Astrid Sommer

Aus: Endland, S. 43 – 46

Vargis war ein perverser Frauentauscher. Er tauschte seine Frau gegen eine Menge Dinge, aber am Ende tauschte er sie einmal zu oft und der Kerl, mit dem er sie tauschte, wollte sie nicht mehr zurückgeben. Das war 1970, aber alle Jahreszahlen stimmen nur so ungefähr.

Armer Vargis. Fortan war die Erde für ihn nur noch eine im All dahintreibende verkohlte und verlassene ausgebrannte Ödnis.


#


Vargis begann Tupperware zu verkaufen. Er schnüffelte Feuerzeugflüssigkeit. Er ging mit Männern aus, die Frauenkleider trugen. Er las »poetische Bücher«© voll GROSSER WORTE. Er bezahlte eine Frau dafür, dass sie auf ihn urinierte, aber nichts konnte ihn von der Liebe zu dieser Gattin heilen.

Wenn die Sonne über den Kühltürmen unterging, hatte Vargis keine Freude daran. Wenn ein Kind geboren wurde, war das Vargis egal. Wenn im Fernsehen Bilder eines »neu entdeckten Himmels« gezeigt wurden, hielt er es für einen Schwindel.


#


Schließlich rief Vargis aus lauter Verzweiflung zahlreiche weise Männer und Wesire an und fragte sie um Rat. Einige sagten ihm, er solle die verdammte Kopfsteuer aufheben, andere sagten, er solle neunzig (90) Tage fasten und wieder andere sagten, er solle endlich mal ordentlich Dampf machen. All diese Leute beförderte Vargis ins Jenseits, »gnadenlos«©, wie es damals für solche Personen üblich war.


#

Zu allerletzt kam ein Mädchen namens Chantalle zu Vargis. Sie war ein Mädchen, das die Acht-bis-Spät-Schicht im ACHT BIS SPÄT arbeitete und schielte und Vargis hatte eine Schwäche für schielende Mädchen; daran konnte er nichts ändern.

Chantalle sagte ihm, dass er zur Buße »das Königreich verlassen« und nach Persien (ein Land, das es nicht mehr gibt) gehen müsse – dann erst würde er seine geliebte Frau wiedersehen.


#


Vargis verstand sehr wenig von dem, was ihm von Chantalle gesagt wurde – er verstand weder, wie man in ein Land gehen konnte, das es nicht mehr gab noch hatte er eine Vorstellung von einem Königreich und er hatte jede Menge weitere pedantische Einwände. Schließlich war er aber bereit, die Reise zu machen und kaufte sich extra einen neuen Pullover.


#


Vargis mietete am Abend vor seiner Abfahrt einen Vergnügungspark, nur für sich und seine Kumpel. Allerdings war der Vergnügungspark ziemlich merkwürdig und die Achter- und Geisterbahnen und was es sonst noch so gab hatten ominöse Namen wie UNGLÜCKSRAD oder TUNNEL AUS BLUT & REISEKRANKHEIT. Vargis blieb im Drehkreuz zur HELL-TER-SKELL-TER-Höllenrutsche stecken und musste von den Feuerwehrleuten mit Schweißgeräten rausgeschnitten werden.


#


Das Flugzeug startete um Mitternacht oder im Morgengrauen und aus unerfindlichen Gründen war der Film, der während des Fluges gezeigt wurde, ein brutales Kung-Fu-Gemetzel mit Dialogen in der philippinischen Sprache Tagalog. Der Flug nach »Persien« dauerte sechs Stunden, aber der Film dauerte neun Stunden und als sie in Persien International landeten, wurden alle vom Kapitän und so gezwungen, bis zum Ende des Films an Bord zu bleiben. Drei Stunden saßen sie auf dem Rollfeld und schauten mörderische Szenen eines menschlichen Bloße-Fäuste-Blutbads an, während das Kabinenpersonal zollfrei grölte und trank und Beifall klatschte.


#


Einmal dachte Vargis, er habe im Hintergrund einer Szene flüchtig seine Frau gesehen, wie sie traurig zu Boden sah, aber er hatte sich bestimmt getäuscht.

Vargis‘ Papiere waren in Ordnung. Er hatte einen Pass, ein Visum und einen Brief mit seiner Adresse. Als er zur Abfertigung kam, winkte ihn der schwarze Kerl einfach durch.


#


Persien schien eher ein Gemütszustand als ein tatsächlicher Ort zu sein und die Zeit verging dort sehr langsam beziehungsweise überhaupt nicht.

Vargis nahm die Stadt, in der er landete, als eine Serie von Blitzen wahr – heiße Explosionen auf seiner Netzhaut, ähnlich den unvergesslichen Bildern, die die Soldaten sehen, wenn sie vom neuen Russischen Traumgewehr© erschossen werden. Persien war wie Weihrauch, gekauft an einem U-Bahn-Automaten aus alter Zeit. Es war wie Öl, das vom Dach tropft. Es war wie drei Wochen alte Ausgaben der Reime-Zeitung der Nationalen Front AUF ZACK GEGEN DAS JUDENPACK.

Es war schwer für Vargis, sich über seine Heimat auf dem Laufenden zu halten.


#

Drei Wochen lang gab es nichts, was Vargis aus dem oben beschriebenen Stumpfsinn hätte reißen können, doch dann klingelte in seinem Hotelzimmer das Telefon und er sprach mit seiner Frau.

»Persephone«, sagte er.

»Ja«, sagte sie.

»Ich habe dich vermisst«, sagte er.

»Ja«, sagte sie, und dann weinten sie zusammen, wie der Dichter sagt, und »ihnen fehlten die Worte«.


#


Stunden nach dem Anruf waren sie wieder vereint und sie lag in seinen Armen und er in ihren (usw.) und sie sagte, dass sie sich nun nie mehr trennen würden, und das war die halbe Wahrheit.

Bevor sie abreisen konnten, musste Vargis Rätsel lösen, die die Hotelleitung stellte. Zum Beispiel eins mit zehn Männern, die eine Wiese mähen und ein anderes mit sechzehn (16) mit Wasser gefüllten Krügen, in die eine Krähe Steine fallen lässt. Und eins über das englische Weltmeisterschaftskader v. 1962.

Aber Vargis wusste alle Antworten und Persephone war eine gute Zuhörerin.


#


Vargis und Persephone saßen im Flugzeug und schauten beim Start aus dem Fenster. Es gefiel ihnen, wie sich die Wolken zu wunderschönen Formationen türmten. Es gefiel ihnen, wie die Flugbegleiter die Sicherheitsanweisungen vorführten. Und es gefiel ihnen außerordentlich gut, wie das Flugzeug ins Trudeln kam und über Lockerbie abstürzte.

Für den Rest ihres kurzen Lebens hatten sie sich nicht mehr getrennt.

  • Gegenwartsliteratur
  • Endzeit
  • Absurdes
  • Liebe
  • Reise

Meine Sprache
Deutsch

Aktuell ausgewählte Inhalte
Deutsch, Englisch, Französisch

Tim Etchells

Tim Etchells

arbeitet als Theaterautor und Performer, Regisseur und Schriftsteller. Einem breiten Publikum ist er vor allem durch seine Arbeit mit der Performance-Gruppe »Forced Entertainment« bekannt, die er 1984 gründete: eines der einflussreichsten Theaterprojekte der letzten Jahrzehnte. Daneben erschloss sich Etchells andere künstlerische Ausdrucksformen als Schriftsteller (»Endland Stories« erschien erstmals 1999, im Jahr 2001 folgte »Dictionary for the Modern Dreamer«) und Performance-Künstler. Tim Etchells lebt im nordenglischen Sheffield und in New York.

Weitere Texte von Tim Etchells bei DIAPHANES
Tim Etchells: Endland

Tim Etchells

Endland

Übersetzt von Astrid Sommer

Gebunden mit Schutzumschlag, 240 Seiten

Maria hat wundertätige Kräfte und setzt den verkorksten Typen aus der Siedlung die Köpfe wieder ein, wenn sie sich aus der Verankerung gelöst haben. Von einem Tag auf den anderen wird Lisa von sämtlichen Automatiktüren der Stadt ignoriert – sie öffnen sich einfach nicht mehr. Wenn Homers »Ilias« nach Endland (sic) verlegt wird, heißen die Götter Haferbrei und Spachtel, Helena, Apollo 12, Aldi und Blowjob, und der Krieg findet in einer »gesetzlich vorgeschriebenen, jeden Samstag auf sämtlichen Kanälen laufenden« Quizsendung statt. Zwischen Sherwood Forest und Computerspiel, den Vorstadtsiedlungen, Einkaufshöllen und namenlosen Schlachtfeldern unserer Gegenwart sind die prekären Landschaften Endlands angesiedelt. Seine Trümmerfelder sind bevölkert von dilettierenden Zeitreisenden, Nacktputzern, Mördern und Fernsehansagern, von Mutanten, herumvagabundierenden Kindern, alleinerziehenden Müttern und marodierenden Söldnern. Virtuos verschränkt Tim Etchells verschiedenste Genres und Versatzstücke, spielt mit abgenutzten Wendungen aus Slang, Fernsehen und Popkultur, Werbung und Klatschpresse. Eine Schreibweise, die bisweilen geradezu körperlich schmerzt und zwischen irrwitziger Komik, äußerster Brutalität und abgründiger Traurigkeit hin und her schaltet. Eine Schreibweise, die sich nicht lange mit Realismus aufhält. Tim Etchells ist hierzulande vor allem durch seine Arbeit mit Forced Entertainment bekannt, »der derzeit brillantesten Theatergruppe Großbritanniens« (The Guardian). Mit »Endland« legt er ein Kompendium sardonischer Kurz- und Kürzestgeschichten, Gruselmärchen und Lehrfabeln für das digitale Zeitalter vor. Für den deutschen Leser wurde die Sammlung um elf bislang unveröffentlichte Texte erweitert.