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Ruedi Widmer: Porträt des Kritikers als Konsument
Porträt des Kritikers als Konsument
(S. 59 – 70)

»Das Neue kann nur bestehen, wenn es überzeugte Freunde hat«

Ruedi Widmer

Porträt des Kritikers als Konsument

PDF, 12 Seiten

Wenn die These zutrifft, dass der Kritiker der Künste zunehmend mit dem avanciert-raffinierten Konsumenten der Gegenwart verschmilzt, lohnt sich ein Versuch, der Semantik und Realität des Kunst-Konsumierens auf den Grund zu gehen. Es zeigt sich hierbei, dass meta-kritische Diskurse – etwa die Beschreibung Bertolt Brechts der Kritik der 30er Jahre als »kulinarische« – sich immer schon der Ess-Metapher bedienten, und dass hinter dem Habitus auch der frühen Kritiker-Helden und Kritiker-Päpste nicht nur das Organ der Presse als Moment medialer Beschwörungs- und Vernichtungsmacht, sondern auch das Organ der Zunge als Moment des Deutungsgeschehens und Kunstgenusses herausgearbeitet werden kann.

»Wir sind Tiere. Unser erster Instinkt, 
wenn wir etwas Schönes sehen, ist, es zu fressen.«
Douglas Coupland, »Shampoo Planet«


Im Animationsfilm »Ratatouille« (2007) verfolgt die Ratte Rémy das große Ziel, das Etablissement eines unbedarften jungen Wirts durch ihre Undercover‑Kochkunst in die Fünfsterneliga zu katapultieren. Die letzte und größte Hürde, die es dabei zu überwinden gilt, ist ein Bollwerk des kritischen Geistes: Das Restaurant braucht den Segen des Gastrokritikers Anton Ego, Personifizierung der feinstmöglichen Zunge und größtmöglichen Meinungsmacht. Just an dem Abend, als Ego das Restaurant mit seiner Präsenz beehrt, hat sich die ganze Welt gegen den Koch verschworen. Doch dann kommt alles gut: Ein vom Rattenschwarm unter dem Rémys Kommando in extremis fabriziertes Ratatouille bringt die körpersprachlich aufgebaute Grimmigkeit des Kritikers flugs zum Einsturz, denn es ist so göttlich wie jenes, das Antons Mutter ihm einst kochte. Tags darauf wird dieses Intime öffentlich: Ego habe »ein außerordentliches Mahl aus einer besonders unerwarteten Quelle« genossen, schreibt er. Und legt, bewegt, sein professionelles Selbstverständnis dar: Kritik sei nur dann riskant, wenn es um die Entdeckung und Verteidigung des Neuen gehe, denn dieses sei auf Freunde angewiesen. Er, Anton Ego, habe etwas Neues erlebt. Etwas, das ihn bis ins Innerste erschüttert habe. 


Das von »Ratatouille« gelieferte Porträt des Kritikers ist umfassend. Wie eine Windschutzscheibe setzt er sich dem Mittelmaß der durchschnittlichen Produktion aus, die an ihm abprallt, dabei aber seine Eitelkeit kränkt. Die er auch, wenn er es will, mit wenig Aufwand und Verdienst öffentlich vernichten kann. Doch was ihn wirklich ausmacht, liegt unter dieser Schale. Es ist das Begehren nach der alles entscheidenden Nuance, dem höchst ungewöhnlichen Zusammenkommen der Ingredienzien, dem völlig unverhofften Sinnesglück. Wenn es eintritt, zeigt sich, dass er nicht ein vorgeschickter Irgendwer ist, der sich fragt, was dem Publikum vielleicht gefallen könnte. Dieses hat zwar sein Urteil als starken Anhaltspunkt erkennen gelernt. Doch der unausweichliche und unerweichliche Prüfstein für Qualität ist sein ganz eigenes Erleben. Daraus ergibt sich seine Position und Macht, und dafür steht sein Name – er setzt Normen, ist als Einer auserwählt, zu wählen für die Vielen. Seine Gedanken erscheinen am Horizont wie die Sonne, wenn sie über der Großstadt aufsteigt und zu leuchten beginnt, und so wird das Öffentlichwerden der Kritikersicht in »Ratatouille« auch inszeniert. Marcel Prousts Schilderung der Kritiker-Wirkung in »Gegen Sainte-Beuve« könnte Vorbild gewesen sein: 


»Indes der Himmel über dem bleichen Tag die Farbe der Glut in den nebligen Straßen annimmt, tragen tausende noch vom Druck und...
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Ruedi Widmer

Ruedi Widmer

ist verantwortlich für die Fachrichtung Kulturpublizistik und die Master-Studienrichtung »publizieren & vermitteln« der Zürcher Hochschule der Künste. Er studierte Filmwissenschaft und Philosophie an der Universität Paris VIII und an der Universität Zürich und war freier Journalist und Publizist in den Bereichen Film, Medien, Design, Kunst und Kultur (u.a. Neue Zürcher Zeitung, Hochparterre, Weltwoche, MAGAZIN, Jahrbuch CINEMA). Zuletzt publizierte er Zeitungs- und Buchbeiträge zur Kulturberichterstattung im Medienwandel, zu amerikanischen Dramenserien und zur gestalterischen Dimension journalistischer Medien in der Schweiz.

Weitere Texte von Ruedi Widmer bei DIAPHANES
Ruedi Widmer (Hg.): Laienherrschaft

Die vielfach geforderte Freiheit des Einzelnen, Kunst nach eigenem Gutdünken zu rezipieren, zu genießen, aber auch zu produzieren und damit zu definieren, ist heute weithin Realität geworden. Wir leben im Zeitalter der Laienherrschaft in den Künsten und den mit ihnen verbundenen Medien: einem Regime, das auf der Dynamik der Massen-Individualisierung und dem Kontrollverlust etablierter Autoritäten beruht, in dem jede Geltung relativ ist und die Demokratisierung in ihrer ganzen Ambivalenz zum Tragen kommt.

Die Essays und Interviews des Bandes kreisen um die Figur des Kulturpublizisten. Wie wirken Ökonomisierung und Digitalisierung auf sein Selbstverständnis ein? Wie sieht es mit der gegenwärtigen Rollenverteilung zwischen Publizist und Künstler aus? Wie verhält sich der Publizist gegenüber dem immer eigenmächtiger auftretenden Rezipienten? Der zeitgenössische Kulturpublizist tritt als Diskursproduzent und als Weitererzähler flüchtiger Wahrnehmung auf; doch auch als Interpret, der als Leser und in diesem Sinne als »Laie« seine Stimme entwickelt – jenseits aller Reinheits- und Absicherungsgebote, die etwa die Wissenschaft aufstellt. Eine Kultur des Interpretierens als eine von der Laienperspektive her gedachte Kultur der Subjektivität, der Aufmerksamkeit, der Sprache und der Auseinandersetzung mit den Künsten ist in Zeiten der Digitalisierung eine unschätzbar wertvolle, omnipräsente und zugleich bedrohte Ressource.

Mit Zeichnungen von Yves Netzhammer.

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