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Die unwiderstehliche Lust, nicht wie alle anderen zu sein


Bruce Bégout

Für die, die die Massen im Kreisverkehr satt sind

Aus: Sphex. Krankhafte Phantasien, S. 155 – 170

Verzweiflung und Dämmerung


Es ist die Stunde, da die Betriebsamkeit zu Ende geht, die Stunde zwischen hündischer Plackerei und wölfischer Entspannung am Tagesende, die Stunde, da man die Arbeit sein lässt und, weil es nicht anders geht, satt von Müdigkeit und Verzicht nach Hause geht, die Stunde der Aufwallungen, der Bilanzen, der Launen, der Projekte, die, noch bevor sie gelebt haben, schon gestorben sind, der Reue ohne Schuldgefühl, der physischen Mattigkeit, die das Aufkommen noch der banalsten Unterhaltungen ausbremst, der abgestandensten Ideen, der leeren Formeln, die Stunde, da man naiv glücklich ist, weil man frei ist, und traurig, weil man nicht weiß, was anfangen mit dieser Freiheit, die Stunde, da man sich noch nicht bewusst ist, dass morgen alles wieder losgeht, die Stunde, da man die freie Zeit genießen möchte, Zeit und Freiheit jedoch unfassbar bleiben, die Stunde der happy hour für die sad few, die Stunde, die keine sechzig Minuten dauert, die arbeitslose Stunde, die Dämmerstunde. 


Die unwiderstehliche Lust, nicht wie alle anderen zu sein


Eingezwängt in seinen Dufflecoat, der wie ein hastig geschnürter Sack aussieht, schleppt C, den Kopf und die Glieder schwer, seine lange Figur über den Cours P***. Der von einem herbstlichen Sonnenuntergang gerötete Himmel über ihm erinnert mit seinen grellen Rot- und Purpurfarben, seinen Rußbahnen, seinen karmesinroten Borten und seinen Tierhorden auf der Flucht, für den, der noch die Fähigkeit besitzt, allegorische Möglichkeiten in der Welt wahrzunehmen, an eine ungeheure, von einem wütenden Brand verheerte Steppe. Verdammt schön, sagt er sich, schön wie ein Bild, schön wie eine Landschaft, schön wie die Schönheit selbst, die, die keiner Worte bedarf und sich augenblicklich zu erkennen gibt. Aber was ändert das im Grunde? In der Einsatzleitstelle fünfzig Meter unter der Erde, am Ende eines endlosen weißen Korridors, wo man von einem magnetischen Lesegerät dreimal seine persönliche Identität prüfen lassen muss, muss der städtische Angestellte auf seinen nagelneuen Monitoren das seltsame Verhalten dieses Mannes verfolgen, das den so vorhersehbaren Wegen der gewöhnlichen Ortsveränderungen widerspricht. C schwankt nämlich. Er ist jedoch weder betrunken noch krank. Nur ein bisschen unaufmerksam und wankelmütig. Er lässt sich treiben, geht an der Statue von Bartholdi vorbei, die ihn hoch aufgerichtet, hochmütig und souverän mit den Augen mustert, den Blick verloren im Himmel der Ideen, das Gesicht sanft und untadelig, die Fackel gerade hochgereckt gleichsam als die strenge Affirmation des Vertrauens auf sich selbst. Rund um dieses unwahrscheinliche Paar zeigt die Straße ihr übliches abendliches Brodeln:...

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Bruce Bégout

Bruce Bégout

ist Schriftsteller und Philosoph phänomenologischer Ausrichtung und hat sich als Autor literarischer Essays und Erzählungen einen Namen gemacht. Er forscht zur Urbanität, zum Allgemeinplatz und zum Alltäglichen, hat das amerikanische Motel in all seinen Facetten beschrieben und unterrichtet derzeit an der Universität Bordeaux.

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Bruce Bégout

Sphex
Krankhafte Phantasien

Übersetzt von Heinz Jatho

Broschur, 256 Seiten

In siebenunddreißig giftigen Mikro-Fiktionen erweist sich Bruce Bégout als Spezialist für den Horror des Alltäglichen, als kalter Sezierer unguter Seltsamkeiten. Was man nicht mehr sieht und spürt, was uns aber maximal bestimmt und überwölbt, wird binnen weniger Sätze zum Protagonisten der Handlung und bringt auf drei, vier Seiten wie beiläufig die Welt zum Kippen. Vor dem Hintergrund postindustrieller Nicht-Orte, den Gewerbegebieten, Altenheimen, Autobahnen, Möbelhäusern, Baustellen und Seelenlandschaften unserer Zeit laboriert ein menschlich-allzumenschliches Personal an seinen ganz und gar zeitgenössischen, will sagen: so beliebigen wie zwanghaften Obsessionen. Bégouts »krankhafte Fantasien«, eines David Cronenberg und J.G. Ballard ebenbürtig, sind geformt an jenem »Spleen de Paris« Charles Baudelaires, der dem Ennui des 19. Jahrhunderts seine Figuren und Szenen gab. Im grellen Licht dieser Prosa zeichnet sich ab, was Literatur – jenseits des so sorgsam unterhaltenen Identifikationsangebots – gegenwärtig einzufordern im Stande ist.

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