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Hartmut Böhme: Der Märtyrer
Der Märtyrer
(S. 107 – 116)

Der Märtyrer macht sich die Welt zur Bühne

Hartmut Böhme

Der Märtyrer

Der Märtyrer ist in diesem Fall eine Märtyrerin: Die 22jährige Vibia Perpetua, honeste nata, liberaliter instituta, matronaliter nupta – aus vornehmem Haus, klassisch gebildet und standesgemäß verheiratet – wurde, nach ordentlicher Gerichtsverhandlung unter Vorsitz des Prokurators Hilarianus, an den Geburtstags-Spielen zu Ehren des Sohnes des Kaisers Septimius Severus – es war der 7. März 203 – in der Arena von Karthago den Tieren vorgeworfen. 


Einige Wochen zuvor war Perpetua zusammen mit einer Gruppe junger Christen, allesamt Katuchemenen – solche, die auf ihre Taufe vorbereitet werden – verhaftet worden, darunter die hochschwangere Felicitas. Perpetua ihrerseits ist Mutter eines Säuglings, den sie auch im Gefängnis stillt. Die Gruppe wird noch während der Kerkerhaft getauft. Saturus, der die Gruppe christlich unterwiesen hatte, stellt sich freiwillig den Behörden, um mit den übrigen zusammen zu sterben. Die Ehemänner von Felicitas und Perpetua werden mit keinem Wort erwähnt. 


Überlieferung und Autorisierung


Der Text ist ungewöhnlich verschachtelt. Einleitung und Schluss stammen aus der Hand eines unbekannten Augenzeugen. Der größere Mittelteil enthält Aufzeichnungen der Perpetua, die im Gefängnis eine Art Tagebuch schreibt. Es folgt eine Vision von Saturus, ebenfalls von ihm selbst aufgezeichnet. Danach übernimmt wieder der Augenzeuge den Bericht, in Vollstreckung des letzten Willens der Perpetua. Am Schluss nennt er die Berichte »exempla in aedificationem ecclesiae« (Exempel zur Befestigung der Gemeinde). Am Anfang ist von »fidei exempla« die Rede. Die Passio Sanctarum Perpetuae et Felicitatis soll, so will es der Erzähler, als lectio während der Liturgie verwendet werden: Im Hören sollen die Ereignisse vergegenwärtigt werden (repräsentatio rerum), um die Gemeinschaft mit den Märtyrern und durch diese (per illos) die communio mit Christus zu konstituieren. Die Märtyrer fungieren mithin als Medien der Kommunion mit Jesus. Nun weiß der Erzähler, dass die Ereignisse und Visionen, die er als testimonia überliefert, neuesten Datums sind; doch zumeist wird nur dasjenige als Autorität und Zeugnis angenommen, was alt ist. Er argumentiert, dass am Ende der Zeit (in ultima saeculi) die Gesichte und Träume zunehmen würden, so dass gerade auf die jüngsten Bezeugungen zu achten sei, denn sie seien ein Zeichen für das nahende Weltende. Darauf stützt sich die These, dass die Passio Perpetuae der Sekte der Montanisten zuzurechnen ist, die eine extreme Askese, Weltabkehr und ein nahes Weltende predigten. Die Zuordnung des Textes zu den Montanisten, obwohl nicht zweifelsfrei zu widerlegen, wird heute kaum noch vertreten. Immerhin ist Perpetua schnell der katholischen Orthodoxie und den anerkannten Heiligen eingemeindet worden. Da wäre es unziemlich, diesen einmaligen Text – es gibt kein vergleichbar unmittelbares, in Ich-Perspektive abgefasstes Zeugnis – einer radikalen Christensekte zuzuordnen, die von der Großkirche als häretisch verworfen wurde. Für uns entscheidend ist, dass der Text erzähltechnisch eine raffinierte Tiefenstaffelung von Autorisierungsstrategien entwickelt, bei denen Selbst- und Fremdbezeugungen genau aufeinander abgestimmt werden. Die historischen Referenzen sind sämtlich nachgewiesen, so dass der Perpetua-Text auch in der wissenschaftlichen Forschung als authentisch angesehen wird.


Frauen


Die Märtyrerpraxis der Christen bietet für Frauen die Chance für beispiellose Karrieren. Felicitas (die Glückselige) und Perpetua (die Beständige), die eine Sklavin, die andere Adlige, sind die Heldinnen des Textes. Beide werden zu Heiligen. Felicitas, die Hochschwangere, kennt nur ein Ziel: mit den Glaubensgenossen zu sterben. Nun besteht aber das Gesetz, dass Schwangere nicht hingerichtet werden dürfen. So befürchtet Felicitas, von der Gruppe getrennt, später mit irgendwelchen Verbrechern »ihr heiliges und unschuldiges Blut« zu vergießen. Alle beten für sie – und sofort setzen die Wehen ein. Sie leidet schlimme Schmerzen. Ein Wächter höhnt: »Wenn du jetzt schon so leidest, was machst du erst, wenn sie dich den Tieren vorwerfen?« Ihre Antwort: »Was ich jetzt leide, leide ich selbst. Dort aber wird ein anderer in mir sein, der für mich leiden wird, da auch ich für ihn leiden werde.« So gebar sie ein Mädchen, das von Glaubensschwestern »als Tochter« aufgezogen wird. Die Familienstruktur ist aufgelöst. Das vater- und mutterlose Kind findet in den Schwestern viele Mütter. Felicitas tauscht das Ungeborene ein gegen Christus, der »in mir sein« wird in der Stunde des Todes; mit ihm tauscht sie das Leiden, so dass beide im Leiden eins werden. 


Beide Frauen wandeln ihre Identität. Felicitas schreitet »vom Blut zum Blut, von der Wehfrau zum Netzkämpfer, um nach der Niederkunft sich zu waschen in einer zweiten Taufe«, nämlich in ihrem Märtyrerblut. Das Martyrium ermöglicht also etwas, was dogmatisch unmöglich ist: eine Selbsttaufe, in der die erste Taufe wiederholt und gesteigert wird. Im emphatischen Sinn ist das Blutbad eine Reinigung. Das Martyrium ist eine Bluttaufe, die unmittelbar zu Gott führt. Perpetua zieht, Psalmen singend, in die Arena ein »mit leuchtendem Antlitz« »ut matrona Christi, ut Dei delicata« – wie die Gattin Christi, wie der Liebling Gottes. Zuvor hatte Perpetua die Vision eines Ägypters »von abstoßendem Äußeren«, das heißt: eine Vision des Teufels. Gegen ihn und seine Horde hätte sie in der Arena kämpfen müssen. Sie erhält jedoch Hilfe von schönen jungen Männern. Sie wird ausgezogen und in einen Mann verwandelt, in einen Gladiator, der von den Jünglingen mit Öl eingerieben wird. Sie trägt einen wilden Kampf mit dem Ägypter aus, sie boxt, tritt ihn ins Gesicht und vermag, wie Batman fliegend, frei mit beiden Füßen auf den Ägypter einzutreten, dessen Kopf sie schließlich packt und in den Sand tritt. Von einem gigantischen Gladiatorenmeister (lanista) erhält sie als Siegpreis einen grünen Zweig mit goldenen Äpfeln, ein Paradiessymbol: Der Meister spricht sie als »Tochter« an, küsst sie, und sie schreitet in Herrlichkeit zum Tor des Lebens (»ire cum gloria ad portam sanavivarium«). Perpetua, eben noch Gefangene und Mutter, bringt ihre männliche Seite voll aggressiver Kampfkraft zur Erscheinung. Als Gladiator erlangt sie den Ehrentitel einer familienlosen »Tochter«, die als »Domina« angesprochen wird und zur Matrona Christi avanciert. Dieses Metamorphosenspiel ist eine radikale Durchkreuzung der familialen Genealogie und Gender-Ordnung. Perpetua winkt höchster Ruhm, Eingang in die Unsterblichkeit und ins ewige Andenken der Nachwelt. Der Preis des Martyriums trägt einen Lohn, der alles übertrifft, was eine Ehefrau je erreichen könnte. Wahrlich hat Perpetua das gesamte Register weiblicher und männlicher Lüste in die eigene Regie genommen, um sie in der martyrischen Choreographie auszukosten.


Kappung der väterlichen Autorität


Zur Durchkreuzung der familialen Ordnung gehört das vieraktige Binnendrama, das zwischen Perpetua und ihrem Vater aufgeführt wird. Der Vater möchte seine geliebte Tochter vor der Verurteilung retten. Perpetua soll sich vor Gericht nicht als Christin bekennen: Tut sie dies und verweigert sie zudem das Opfer für den Kaiser, so muss sie zum Tode verurteilt werden – so sagen es die Gesetze. Der Vater rät zu einem taktischen Verhalten. Doch er hat nicht mit der zeichentheoretischen Intelligenz der Tochter gerechnet. Beiläufig weist sie auf einen Krug und fragt, ob man ihn mit einem anderen Namen benennen könne »als dem, was er ist«. Nein, erwidert der Vater – und hat schon verloren. Denn Perpetua unterlegt ihrer Fangfrage eine – im Benjamin’schen Sinn – namensprachliche Zeichentheorie. Diese macht es aus sprachontologischen Gründen unmöglich, mit Benennungen konventionalistisch und arbiträr umzugehen. Perpetua kann nicht aus taktischen Gründen sagen, sie sei keine Christin, weil Christ sein heißt, es ganz und gar, es substantiell zu sein. Benennung und Sein koinzidieren. Perpetua nutzt rhetorisch aus, dass in der Taufe der Name essentiell an ein Sein gebunden wird. Dies dehnt sie auf Dinge überhaupt aus. Der besiegte Vater gerät so in Wut, dass er ihr die Augen auskratzen möchte. Spiegelbildlich ist er es, der eine weibliche Geste ausübt. Tatsächlich wird Perpetua nun wirklich getauft. Dies bestätigt ihre Auffassung, dass der Satz »Ich bin Christin« kein Spiel von Signifikanten ist, das man manipulieren kann, sondern die Verschweißung von Signifikant und Signifikat: Was mein Christenname sagt, das bin ich.


Im zweiten Akt der Depotenzierung des pater familias und des väterlichen Gesetzes, das gewöhnlich die Tochter zum Objekt patriarchaler Einschreibung macht, tritt der Vater nun demütig und flehend auf, die Hände der Tochter küssend und unter Tränen sich ihr zu Füßen werfend. War er zuvor der Versucher in der Rolle des Taktikers, so ist er jetzt der Versucher in der Rolle des bemitleidenswerten, bereits kastrierten Vaters, der durch Perpetuas Starrsinn der Schande ausgeliefert wird. Er nennt sie »nicht mehr Tochter«, sondern ausdrücklich »Domina«. In der dritten Szene erscheint der Vater bei der öffentlichen Verhandlung und appelliert an Perpetuas Mitleid mit ihrem Säugling. Er erhält Unterstützung vom Prokurator, der Perpetua dazu bewegen will, das Kaiser-Opfer wenigstens aus Achtung vor dem weißen Haar des Vaters und der Zartheit des Kindes zu vollziehen. All dies wird von Perpetua als satanische Versuchung verbucht, als Proben des Glaubens, die sie bestehen muss. Fortan wird das Kind, das sie ihrer Familie anvertraut hat, ihr vorenthalten. Gott aber lässt den Säugling nicht länger nach den Brüsten Perpetuas verlangen und verhindert zudem eine Brustentzündung. Zur vierten Begegnung erscheint der Vater gramverzehrt. Er rauft sich den Bart aus, streut ihn auf die Erde und wirft sich vor Perpetua aufs Gesicht. Er wiederholt damit, restlos depotenziert, die Geste der Proskynese, Ausdruck tiefster Unterwerfung. Man versteht, dass kompositionell genau an dieser Stelle die phallische Vision Perpetuas als geölter Gladiator folgen muss: Die Kastration des Vaters ist Voraussetzung des imaginären Geschlechtswechsels Perpetuas. Die symbolische Ordnung der Familie ist ausgelöscht.


Kappung der staatlichen Autorität


Ähnlich wie die Familie und das Geschlecht wird auch der Staat entmachtet. Gewiss hat der Staat Macht. Er instauriert Gesetze und Verfahren und verfügt über Gefängnisse und öffentliche Straf-Arenen. Doch alle weltliche Macht wird seltsam subvertiert. Schon in der ersten Gefängnisszene erweisen sich die Wächter als bestechlich. Der Kerker wird für Perpetua zum Palast. Der Prokurator, der die Todesurteile vermeiden möchte, scheitert an Perpetuas Standhaftigkeit und wird gezwungen, die Urteile zu verhängen. Ein Unteroffizier des Wachpersonals ist von den Christen so beeindruckt, dass er viele Besucher zu ihnen vorlässt. Ein hartherziger Tribun wird von Perpetuas Rede so beschämt, dass er die Gefangenen gut behandelt. Der Kerkeraufseher wird zum Christen. Die Henkersmahlzeit wird von Perpetua zum Liebesmahl (Abendmahl) umfunktioniert. Viele der Zuschauer werden gläubig. Erfolgreich widersetzen sich die Verurteilten der Einkleidung in heidnische Gewänder. Dem Prokurator wird in der Arena gestisch beschieden, dass so, wie er jetzt die Christen verurteilt, er selbst verurteilt werden wird. Die Frauen werden ausgezogen und in Kampfnetzen in die Arena geführt. Als das Volk diese Schamlosigkeit mit Entsetzen sieht, müssen die Frauen in Gewänder gekleidet werden. Die wilde Kuh, die zur Verhöhnung des Geschlechts der Frauen diese töten soll, wirft Perpetua nur um, zerreißt das Kleid und verletzt sie. Perpetua, längst im Zustand schmerzfreier Entzückung, bedeckt ihre Blöße und steckt ihr Haar wieder auf. Denn aufgelöstes Haar bedeutet Trauer, während sie mit geordnetem Haar die Haltung zeigt, die dieser Gnadenstunde angemessen ist. Die Tötung der beiden Frauen durch die Tiere scheitert; die Grausamkeit des Volkes ist bezwungen. Perpetua soll mit dem Schwert hingerichtet werden, doch dem Gladiator misslingt dies, sodass Perpetua selbst ihm die Hand für den tödlichen Stoß in den Hals führen muss. Bei den übrigen Märtyrern widersetzen sich die Tiere oder sie sterben genau den Tod, den sie sich gewünscht haben. So wird Saturus von einem Leoparden, wie erhofft, mit einem Biss tödlich verletzt, kann aber blutüberströmt den Ring des bekehrten Soldaten noch in seine Wunden tauchen, den Blutring hinterlassend (relinquens) als »memoria sanguinis« und »heriditas«, als »Denkmal des Blutes« und »Vermächtnis«. Wir wohnen hier unmittelbar der Fabrikation einer Reliquie bei. 


Von Beginn an wird also die legale Gewalt des Staates umgekehrt zu einer Bühne, auf der keineswegs Gericht, Administration und Militär das Geschehen bestimmen. Zunehmend bekommen die Märtyrer die Fäden der Regie in die Hand. Was ein Triumph staatlicher Souveränität sein soll, wandelt sich zu einem geistlichen Schauspiel, das die Civitas Dei in Erscheinung treten lässt. Nichts anderes ist das Begehren der Märtyrer bis heute: Durch ihr Handeln destruieren sie die familiale Ordnung, subvertieren sie die staatliche Macht und lassen in ihrem Blut das Göttliche über die Welt triumphieren. In ihrem blutigen Pathos nimmt das Imaginäre das Reale in Beschlag. Das ist das unverwüstliche Begehren der Märtyrer.


Visionen


Darum auch erhalten die Visionen Perpetuas ein so großes Gewicht. In ihrer ersten Vision sieht sie eine Himmelsleiter, die mit Schwertern, Lanzen, Haken, Dolchen, Spießen besetzt ist, sodass, wer sie achtlos hochklettert, zerrissen würde und sein Fleisch vom Eisen hinge. Saturus, der christliche Lehrer Perpetuas, ist bereits voraus gestiegen und ruft sie zur Nachfolge. Den Drachen, der unten die Leiter bewacht – er ist das weltlich Böse – scheint sich vor Perpetua zu fürchten, sie tritt ihm aufs Haupt und steigt empor, um ins Paradies einzukehren. In der zweiten Vision erinnert sich Perpetua an ihren an einem abstoßenden Gesichtskrebs gestorbenen Bruder Dinocrates, der sich – als Heide – unerlöst weiter im Jenseits abquält. Perpetua betet tagelang für ihn, bis ihr in einer weiteren Vision der geheilte und erlöste Dinocrates gezeigt wird. Dann folgt die zentrale Vision, wie Perpetua als Gladiator den Ägypter besiegt. In der folgenden Vision des Saturus sehen wir diesen und Perpetua im himmlischen Garten Eden, wo sie vom thronenden Christus erlösend berührt werden. Als derart geheiligte Märtyrer stiften sie in ihrer zerstrittenen Gemeinde Frieden und Eintracht. 


Die Logik dieser Visionen ist klar. Perpetua muss, in Nachfolge Jesu, die Leiter des Martyriums ersteigen, sich um nichts in der Welt ablenken lassen, die Schmerzen und die Versuchungen der Welt als nichts ansehen, den gewaltigen Kampf mit dem Bösen mit männlicher Virtus bestehen und die Welt überwinden – auf dass der Eintritt ins Paradies gewährt und ihr die Erlösung durch Christus zuteil werde, um als solcherart seliger Märtyrer noch post mortem in der Kirche wundersam Gutes zu wirken. So wirkt der Märtyrer am Bau des Gottesstaates mit. Familienbande, Vaterliebe, Kindesliebe, Gattenpflicht, weibliche Furchtsamkeit, Angst vor den Autoritäten des Staates, Angst vor Schmerzen und Tod: All dies sind nichts als Versuchungen des Bösen, die vom geraden Weg in den Himmel ablenken. Der Märtyrer verfolgt eine Strategie der Selbsterlösung. Er verwandelt die Welt zur Bühne seiner grandiosen Inszenierung, so sehr er den Mächten der Welt zu unterliegen scheint. Seine machtlose Geringfügigkeit verwandelt er in einen Triumph, der seinen Namen unsterblich und seine Preisgegebenheit zum Umschlagpunkt seiner Erlösung macht. Die Selbstbefangenheit, die nur eine Variante der Gefangenschaft in den Fallstricken der weltlichen Versuchungen ist, wird im Modus rückhaltloser Selbstpreisgabe unendlich frei. Das arme Ich wird unmittelbar in die Verschmelzung mit dem narzisstischen Glanz eines erlösten Ideal-Selbst überführt, das durch kein Gesetz – sei’s des Vaters, des Geschlechts, des Staates – mehr begrenzt werden kann. Gerade in der totalen Passivität der passio wird die totale Regie über die Ereignisse erlangt. Diese verlaufen nur scheinbar nach den Regeln weltlicher Autorität, in Wahrheit nach dem Präskript des Märtyrers, dessen er sich in seinen Visionen selbst versichert hat. So wird jede Hinrichtung zu einem indirekten Selbstmord, in dem der Märtyrer seinen Körper abstreift, um ganz und gar sein Ideal-Selbst zu retten. Der Tod ist nichts, weil er die Tür zur Ewigkeit öffnet. Das Symbolische und das Reale sind vernichtet, das Imaginäre triumphiert. Es ist leicht einzusehen, dass mit einem solchen imaginären Fundamentalismus umzugehen bis heute die weltlichen Staaten nicht nur Probleme haben – sondern sie sind hilflos.


Eine ausführliche Fassung des Essays ist publiziert als: »The Conquest of the Real by the Imaginary: On the Passio Perpetuae«, in: J. N. Bremmer und M. ­Formisano (eds.): Perpetua’s Passions. Pluridisciplinary Approaches to the Passio Perpetuae et Felicitatis, 3rd Century AD, Oxford 2012, S. 220–243. Der Text der Passio ist greifbar u.a. in: »Passio Sanctarum Perpetuae et Felicitatis. Das Martyrium der heiligen Perpetua und Felicitas«. Text und Übersetzung, in: Peter Habermehl (Hg.): Perpetua und der Ägypter oder Bilder des Bösen im Frühen Afri­kanischen Christentum. Versuch zur Passio Sanctarum Perpetuae et Felici­tatis, lat./dt., Berlin 1992, S. 5–31.


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Hartmut Böhme

studierte Germanistik, Philosophie, Theologie und Pädagogik. Seit 1993 lehrt und arbeitet er an der Humboldt Universtiät zu Berlin im Bereich der Kulturtheorie und der Mentalitätsgeschichte.

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Lars Friedrich (Hg.), Karin Harrasser (Hg.), ...: Figuren der Gewalt

In Figuren nimmt etwas Gestalt an. Dieses »Etwas« mag die wissenschaftliche Neugierde sein, der Nachhall vergangener Verwüstungen, das verwirrte Murmeln aktueller Konflikte, die Freude am Fabulieren. Der Amokläufer, der Archivar, die Herausgeberin, die Null, der Testamentsvollstrecker, der Zauberkünstler: Sie und andere geben das Ensemble einer Revue von Miniaturen, die ausstellen, was man unter »Codierungen von Gewalt im medialen Wandel« verstehen könnte. Denn zwar ist Gewalt manchmal sichtbar und unmittelbar, viel häufiger aber ist sie verborgen und indirekt. Sie exponiert sich in den Erzählungen derer, die Teil ihrer Codierung sind: Gewalt-Fantasien. 

Mit Beiträgen von Jörn Ahrens, Janis Augsburger, Hendrik Blumentrath, Hartmut Böhme, Thomas Brandstetter, Lars Denicke, Elke Dubbels, Lars Friedrich, Karin Harrasser, Claudia Hein, Sabine Kalff, Gernot Kamecke, Harun Maye, Silvia Mazzini, Arno Meteling, Daniel Tyradellis, Joseph Vogl, Elisabeth Wagner, Sven Werkmeister, Michaela Wünsch, Burkhardt Wolf und Barbara Wurm sowie mit Zeichnungen von Nikolaus Gansterer.

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