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Hubert Damisch: Das Museum im Zeitalter seiner technischen Verfügbarkeit
Das Museum im Zeitalter seiner technischen Verfügbarkeit
(S. 115 – 130)

Das »Problem des Museums«

Hubert Damisch

Das Museum im Zeitalter seiner technischen Verfügbarkeit

Übersetzt von Heinz Jatho

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1.


Was Valéry das »Problem des Museums« nannte und was seitdem zu Angriffen Anlass gegeben hat, die weit politischer und radikaler intendiert waren (Maurice Blanchot wird so weit gehen, von einer »Museumskrankheit« zu sprechen), ist das Anzeichen und zugleich das Korrelat der selbst komplexen und unglücklichen Beziehungen, die unsere Kultur mit ihrer Geschichte unterhält, ungeachtet, ob sie eine patrimoniale Form haben oder nicht.1 Und das in der Vergangenheit ebenso wie in der Gegenwart. Welches das mediale und touristische Schicksal der Institution heute auch sei, es scheint, dass die Beziehungen zwischen der sogenannten »Museumskunst« und der per Antithese als »lebendig« qualifizierten Kunst nur konflikthaft oder zumindest polemisch sein können. Und zwar derart, dass das Projekt eines Museums für zeitgenössische Kunst die Figur eines Paradoxons, wenn nicht gar eines Oxymorons annimmt, weil es einen Widerspruch zu implizieren scheint: Wenn das Museum die Funktion hat, der Ort, das Instrument oder der Träger eines spezifischen Gedächtnisses zu sein, wie könnte sich dann dieses »Monument« im etymologischen Sinn mit dem Zutagetreten, mit der Manifestation, mit der Schaustellung abfinden, die in seinen Mauern einer Kunst zuteil wird, die sich im Gegenteil durch ihre Aktualität, wenn nicht durch eine Neuheit auszeichnet, die nicht notwendig erinnernswert ist? Könnte nicht – um die Freudsche Hypothese, dass innerhalb desselben Systems zwischen Bewusstwerdung und Erinnerungsspur eine Inkompatibilität besteht (»Das Bewusstsein entsteht an der Stelle der Erinnerungsspur«),2 zu paraphrasieren – im Kontext des Museums ein Widerspruch auftreten zwischen der Möglichkeit für die Kunst, in ihren jüngsten Erscheinungsformen gezeigt, ausgestellt und publiziert zu werden, und der Aussicht, sich unverzüglich in die Geschichte einzuschreiben, indem sie sich in den Schatz einfügt, den zu beherbergen Auftrag der Institution ist und zu dem sie zunächst, bevor sie sich in ihm resorbiert, nur in parasitärem Verhältnis stehen kann? Als ob das Bahnen neuer Wege durch die Kunst eine Bewusstwerdung implizieren würde, die nicht ohne weiteres Hand in Hand ginge mit einer Einschreibung im Gedächtnis. Als ob diese beiden Funktionen – zu sehen geben und in die Erinnerung einschreiben – im Unmittel­baren in der Tat inkompatibel wären und sich erst nachträglich, über die Rückkehr des Wiedererinnerten, so wie das Museum es organisiert und in Szene setzt, wieder vereinigen könnten. 


2.


Kann die Geschichte – ganz ungeachtet der Beziehungen, die sie mit dem Gedächtnis unterhält – dabei zu sehen gegeben werden, wie sie sich in der Gegenwart herstellt? Angenommen, der Begriff eines Museums für zeitgenössische Kunst wäre vom semantischen Standpunkt her annehmbar, so würde ein solches Projekt...

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Hubert Damisch

Hubert Damisch

ist Philosoph und Kunsthistoriker und lehrte über dreißig Jahre an der École des Hautes Études en Sciences Sociales, Paris, wo er 1967 den Cercle d’histoire/théorie de l’art, heute CEHTA (Centre d’histoire et théorie des arts) gründete. Mit der von ihm begründeten »iconologie analytique« und seinen zahlreichen Werken über Malerei, Architektur, Fotografie, Kino und das Theater hat er die Kunstgeschichte und Ästhetik in Europa und den USA nachhaltig geprägt.

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