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»Ein Angriff auf das Allgemeine durch den Einzelfall«

James Agee

Projekte; Oktober 1937

Übersetzt von Andrea Stumpf und Sven Koch

Aus: Da mir nun bewusst wird. Prosa, Skripte, Projekte, S. 95 – 118

[Von James Agee zusammen mit einem Stipendienantrag 
bei der Guggenheim Foundation eingereicht]



An folgenden Projekten arbeite ich, würde sie gerne beginnen oder werde mich ihnen wahrscheinlich wieder zuwenden. Zuerst führe ich sie in einer Liste auf, dann erläutere ich die meisten etwas detaillierter.



  • Aufzeichnungen aus Alabama.

  • Briefe.

  • Eine Geschichte über Homosexualität und Football.

  • Nachrichten.

  • Sich selbst auf den Leim gehen.

  • Ein Wörterbuch der Schlüsselbegriffe.

  • Bemerkungen zur Farbphotographie.

  • Eine Revue.

  • Shakespeare.

  • Ein Cabaret.

  • Wochenschau. Filmtheater.

  • Eine neuartige Bühnen-Leinwand-Show.

  • Antikommunistisches Manifest.

  • Drei bis vier Liebesgeschichten.

  • Eine neue Art Sexbuch.

  • »Glamour«-Literatur.

  • Eine Studie zur Pathologie der »Faulheit«.

  • Eine neue Art Horror-Geschichte.

  • Geschichten, die ganz auf die direkte Vermittlung der Intensität alltäglicher Erfahrung abzielen.

  • »Musikalische« Verwendungen von »Empfindung« und »Ge­fühl«.

  • Sammlungen und Analysen von Gesichtern; von Nachrichtenbildern.

  • Die Entwicklung neuer Formen des Schreibens mittels der Bildunterschrift; Briefen; mitgehörter Gesprächsfetzen.

  • Eine neue Form von »Geschichte«; eine wahre Begebenheit, die als solche aufgezeichnet wird, und deren Analyse.

  • Eine neue Form von Kurzfilm, die in etwa das Äquivalent zu einem Gedicht ist.

  • Überlegungen, wie sich »Kunst« wieder auf der Ebene eines menschlichen körperlichen Bedürfnisses, parallel zu religiöser Kunst oder der Kunst primitiver Jäger, ansiedeln ließe.

  • Eine Show zur Mutterschaft.

  • Texte, die annähernd Entsprechungen zu den prophetischen Schriften der Bibel sind.

  • Verwendung der Dorothy-Dix-Methode; die Stimme der Erfahrung: für unmittelbare, eindringliche und komplexe Kommentare.

  • Das Unbelebte und Nichtmenschliche.

  • Ein neuer Stil und Gebrauch der Phantasie: das genaue Gegenteil der Aufzeichnungen aus Alabama.

  • Ein wahrer Bericht über eine Jazz-Band.

  • Bericht und Analyse einer Kreuzfahrt: Vertreter der »Ober«-Klasse.

  • Porträtkunst. Aufzeichnungen. Das Triptychon.

  • Stadtstraßen. Hotelzimmer. Städte.

  • Eine neue Art photographischer Ausstellung.

  • Der Diavortrag.

  • Eine neuartige Musik. Nichtinstrumentaler Klang. Tonaufzeichnungen. Radio.

  • Erweiterung des Schreibens; Verästelungen der Spannung; Schuberts Streichquintett für zwei Celli.

  • Untersuchungen zu Hemingway, Faulkner, Wolfe, Auden und anderen Schriftstellern.

  • Analysen der Kritiken zu Kafkas Der Prozess; verschiedene Filme.

  • Zwei Formen der Filmgeschichte .

  • Neuuntersuchungen zu Wesen und Bedeutung der Liebe.

  • Analysen von Fehlkommunikation; die Entstellung der Idee.

  • Filmnotizen und Drehbücher.

  • Ein »autobiographischer Roman«.

  • Neue Formen von »Lyrik«.

  • Ein Notizbuch.



Überschneidungen und Wiederholungen sind bei einer näheren Ausführung der einzelnen Projekte unvermeidlich. Eine weitere Abstimmung würde allerdings nicht unbedingt in die Richtung weisen, in die diese Arbeit gehen soll, da die Projekte in einer variablen und nicht festgefügten Abfolge zueinander stehen. Das Folgende gibt nur einen ersten Eindruck davon.


Aufzeichnungen aus Alabama.


Im Sommer 1936 verbrachten der Photograph Walker Evans und ich zwei Monate in Alabama, wo wir eine Familie von Baumwollfarmpächtern, die alles in allem ein solches Pächterdasein am besten repräsentierte, ausfindig machten und mit ihr lebten. Die Arbeit diente der Vorbereitung eines Artikels für Fortune. Wir lebten bei einer Familie, untersuchten drei Familien eingehend und schrieben einen Bericht über sie; zudem fuhren wir 6.000 Meilen über Land und befragten und beobachteten Landbesitzer, Regierungsbeauftragte für den New Deal, Bezirksbeamte, weiße und schwarze Pächter etc. etc. in verschiedenen Städten, Kreisstädten und Dörfern.


Daraus sollen keinen journalistischen Aufzeichnungen entstehen; aber genauso wenig soll irgendetwas daran erfunden sein. Vielleicht kann man die Arbeit am ehesten als »wissenschaftlich« beschreiben, allerdings nicht in dem Sinne, wie Wissenschaftler den Begriff verstehen, sondern in einem eigentlich kritischen und analytischen Sinne. Die persönlichen Erfahrungen sollen so genau wiedergegeben und analysiert werden, wie mir möglich ist, wozu auch Formen und Probleme des Gedächtnisses und der Erinnerung und ihre Überprüfung neben Problemen des Schreibens und Vermittelns gehören, wobei zwei Punkte besonders wichtig sind: alles weitestgehend genau zu erzählen und nichts zu erfinden. Das beinhaltet die größte Vorsicht gegenüber »kreativen« und »künstlerischen« wie gegenüber »journalistischen« Herangehensweisen und Verfahren, was wahrscheinlich zur Entwicklung von mehr oder weniger neuen Formen des Schreibens und Beobachtens führen wird.


Bislang habe ich etwa 40.000 Wörter geschrieben, ein ­erster, ganz vorläufiger Entwurf. Für dieses Manuskript wurden mir ein Vorschuss und ein Vertrag angeboten, die ich schließlich ablehnte, da ich das Projekt den dadurch erforderlichen Termin- und Umfangsvorgaben nicht unterwerfen konnte, das wäre weder vernünftig noch ehrlich gewesen. Mit Ihrer Erlaubnis würde ich es gerne meinem Antrag einreihen, da ich hoffe, dass sich dadurch meine generelle Absicht in einzelnen Punkten besser erschließt, als ich selbst dies zu formulieren vermöchte, ebenso wie einiges unter der Überschrift »Bibliographie«. Ich sollte anmerken, dass einiges nicht weit genug entwickelt ist, um aussagekräftig zu sein.


Jeder Erfahrungszusammenhang ist derart komplex und verästelt, dass mehr als eine Art der Wiedergabe erforderlich (oder zumindest anwendbar) ist; hier sind vermutlich viele erforderlich, zu denen auch neue Schreib- und Beobachtungsverfahren ge­­hören. Trotz des anti-künstlerischen, anti-wissenschaftlichen und anti-journalistischen Charakters werden wahrscheinlich traditionelle Formen eingesetzt. Erfahrungen, Gefühle und Gedanken sollen möglichst unmittelbar und in allen Einzelheiten und aller Komplexität dargestellt werden (zu anderen Zeiten fänden sich darin also viele Merkmale eines Romans, Berichts, Gedichts), aber es wäre wohl hauptsächlich die kritische Überprüfung von Wirklichkeit und ihrer zweifelhaften Nachahmung und Vermittlung. Es soll unbedingt ebenso sehr ein Buch der Bilder wie ein Buch der Wörter sein: das heißt, es sollten viele Photographien darin sein, jedoch nicht zur »Illustration« des Textes. Ein Teil der Arbeit, und in vielerlei Hinsicht der entscheidende, soll ein strenger Vergleich der Photographien und des Textes hinsichtlich der jeweiligen Verlogenheit und Treue in der Wiedergabe derselben Gegenstände sein. 


Briefe.


In jedem Wort und Satz eines Briefes offenbaren sich unmittelbar, präzise und bis ins Detail Absender und Empfänger und die ganze Welt und der Kontext, aus dem er stammt: auf ganz eigene Art und so wertvoll, wie es eine unverfälschte Aufzeichnung der Träume vieler Menschen wäre. Jeden Brief kennzeichnen vor allem zwei Dinge: die Unmittelbarkeit und die Unverfälschtheit dessen, was er offenbart. Im wahrsten Sinne des Wortes ist jeder Traum ein unverfälschtes Kunstwerk und so auch der Brief; und der unter Vorbehalt und bewusst geschriebene Brief offenbart so viel wie der rückhaltlos geschriebene. Es ist eine »Dokumentation der Menschheit«; und womöglich das am leichtesten zugängliche Dokument von der Macht und Ohnmacht von Sprache und Fehlkommunikation und der dahinterstehenden verdrehten Ideen. Die Vielgestaltigkeit, die sich in Briefen findet, ist beinahe so unbegrenzt wie das menschliche Schreiberlebnis; aber auch die Gleichförmigkeit hat ihren Wert.


Daher eine Sammlung von Briefen aller Art.


Eine Beschränkung, die womöglich nur zum Vorteil gereicht: was man selbst und Freunde und deren Freunde finden können. Denn schon darin lässt sich die ganze Bandbreite der Gesellschaft und des Denkens erfassen; und gerade diese Beschränkung verweist eher auf die Vielfältigkeit des Gegenstandes, als es der Versuch, ihn auf die üblicheren »Forschungsebenen« auszudehnen, könnte.


In Zusammenarbeit mit zwei oder drei Freunden habe ich ­mittlerweile mehrere hundert Briefe zusammengetragen. Wir er­warten noch viele mehr.


Im Umgang mit diesen Briefen gibt es verschiedene, gleich gute Verfahren.


1. Abgesehen vom Unkenntlichmachen aller Hinweise, die Rückschlüsse auf die Identität erlauben, findet keine Bearbeitung oder Auswahl statt. Anders gesagt, soll der Zufall Künstler, Scharnier und Formgeber sein. Eine baldige Veröffentlichung ist angesichts der Menge kaum vorstellbar.


2. Eine sehr sorgfältige Auswahl, die sich im Wesentlichen orientiert an a) wissenschaftlicher Würdigung des Zufälligen und des repräsentativen Charakters, weniger an konventionellen Maß­gaben des »Leserinteresses«; und b) der Vorbereitung der Leser und ihrer Heranführung auf eine weitere, weniger strikte Auswahl.


3. Bemerkungen zum Kontext, möglichst kurz und sachlich, wären wahrscheinlich nützlich.


4. Alle oder bestimmte Briefe nehmen. Zunächst sollen sie für sich stehen. Dann eine Wort-für-Wort-Analyse, so ausführlich und vielseitig wie es der jeweilige Brief erfordert. Das könnte sehr erhellend sein.


5. Statt einer rein »wissenschaftlichen« Analyse die Berücksichtigung von Gefühlen und Anschauungen, auch von stärkeren wie beispielsweise Wut, Schwärmerei und Poesie.


6. Eine Reihe oder ein ganzes Buch erfundener Briefe, die auf eine oder alle der genannten Weisen bearbeitet werden.


Diese Bearbeitungsweisen scheinen sich gegenseitig aufzuheben. Was aber nicht sein muss. Ich hoffe, sie alle im Laufe der Zeit anzuwenden, und will zum Einstieg im ersten Band von jeder maßgebliche Beispiele geben.


Der Wert oder Ertrag einer solchen Arbeit unterliegt meinem Verständnis von Wissenschaft, Religion, Kunst, Lehre und Unterhaltung.


Dadurch ließen sich auch verschiedene Gewohnheiten und Gewissheiten des »kreativen«, des »lesenden« und des im Alltag »funktionierenden« Geistes verschieben und zerstören.


Die Arbeit könnte gut in Buchform publiziert werden oder ganz oder teilweise als eine bestimmte Art Zeitschrift, die ich interessant finde, oder als Teil eines Notizbuchs; darauf komme ich später noch zu sprechen.


Für die Buchform sollte sie schon im ersten Entwurf so viel enthalten, wie der Verleger gestattet; das Buch sollte so nüchtern und zurückhaltend wie eine wissenschaftliche oder amtliche Publikation wirken. Es sollte viele Faksimiles beinhalten, nicht nur von den Handschriften, sondern auch von den Briefpapieren.


Eine Geschichte über Homosexualität und football.

Ein unverzichtbarer, wenn auch nicht zentraler Teil dieser Geschichte bestünde darin, das Thema Sexualität einmal gründlich durchzulüften. Das lässt sich in dieser Form vermutlich nicht abschließend machen. Eine solche Aufklärung könnte auch für den Sport und den Glauben versucht werden, und zwar immer eher beschreibend als erklärend. Für die Geschichte an sich ist das aber nebensächlich.


Also die Geschichte der Liebe zwischen einem zwölfjährigen Jungen und einem zweiundzwanzigjährigen Mann in der homerischen Football-Atmosphäre einer Landschule in den Bergen Tennessees: Sie erreicht ihren Höhepunkt während eines Spiels und danach und wird hauptsächlich aus der Perspektive des liebenden Jungen erzählt, das heißt des Alters reinen Glaubens. Die Sprache soll möglichst klar, schlicht, lebensnah und physisch sein. Anders gesagt, wenn ihr gelingt, das Angestrebte zu verkörpern, dann muss sie die wesentlichen Merkmale von Volkserzählung und heroischer Musik haben, die in Form des reinen »Realismus« ausgeführt werden. Ich schreibe sie gerade jetzt. Sie soll in etwa die Form und die Länge der »langen Short Story« haben. 


Nachrichten.

Siehe hierzu im Wesentlichen Briefe.


Sich selbst auf den Leim gehen.


Ich kenne kein einzelnes Wort für das, was ich meine. Der Sache selbst begegnet man überall. Die Idee ist, dass die Selbstbetrüger und Verführer sich und ihre Umgebung mehr täuschen, als jede Satire es könnte. Vgl. Eleanor Roosevelts My Day; Mrs. Daisy Chanlers Autumn in the Valley; die Tagebücher und Briefe von Gamaliel Bradford; Gerichtsprotokolle, Leitartikel, religiöse Schriften, Frauenseiten; die »Literatur« zur Kastration Eisensteins und deren Rechtfertigung etc.


Auch das könnte in einem Band oder einer Zeitschrift oder einem Zeitschriftenteil versammelt werden; oder in dem Notizbuch.


Das Gesagte beschränkt sich auf Selbstbetrug in gedruckter Form. Selbstbetrug in nicht veröffentlichten Lebensgeschichten muss natürlich anders behandelt werden. Unaufwendig, aber wirkungsvoll wäre der unbewusst unverhüllte Satz, den man entweder mit oder ohne Kontext wiedergibt. So etwas lässt sich massenhaft sammeln.


Ein Wörterbuch der Schlüsselbegriffe.


Mehr zur Bedeutung von Sprache. Zuzüglich Redewendungen. Nützlich wäre auch die Untersuchung und Kategorisierung von Tonlage, Rhythmus oder Modulation sowie von schichtspezifischen Dialekten. Schlüsselwörter sind solche organischen und kollektiven Glaubens- und Ideenbegriffe, die Dreh- und Angelpunkt des größten Teils gesellschaftlichen und individuellen Verhaltens sind und es begründen und über die man sich und andere täuscht oder verrät. Zu solchen Begriffen gehören »Liebe«, »Gott«, »Ehre«, »Treue«, »Schönheit«, »Gesetz«, ­»Gerechtigkeit«, »Pflicht«, »Gut«, »Böse«, »Wahrheit«, »Wirklichkeit«, »Opfer«, »Ich«, »Stolz«, »Schmerz«, »Leben« etc. etc. Sie werden hinsichtlich ihrer gesamten Bedeutungsschattierungen und Verwendungsmöglichkeiten kritisch untersucht. Ein erstes Wörterbuch könnte eine willkürliche Auswahl von fünfzig oder hundert Begriffen umfassen, ergänzt durch viele Zitate und Beispiele aus Briefen, Druckerzeugnissen und Umgangs­sprache.


An einem solchen Wörterbuch arbeitet meines Wissens schon Mr. I. A. Richards, der völlig andere und zum Teil in wesentlichen Belangen weiterreichende Qualifikationen besitzt als ich. Ich glaube aber, dass diese Bücher sich nicht in die Quere kämen, da die Herangehensweisen so unterschiedlich sind, vor allem aber wegen der Vieldeutigkeit von Sprache.


Bemerkungen zur Farbphotographie.


Zweierlei Art: theoretisch und spezifisch. Zu Stehbildern; zu Bewegtbildern; abgestimmt auf Klang und Rhythmus. Die bloße Verwendung von Farbe ohne Abbild. Metaphorische, indirekte, kraftvolle und musikalische Verwendung von Farbe. ­Analyse der »Irrealität« von »realistischer« Farbphotographie. Die Unterschiede zwischen Farbe in Photographie und Malerei. Die Ästhetik ist so grundverschieden, wie die Photographie von der Malerei an sich verschieden ist, und Farbe in der Photographie eröffnet ein ebenso großes neues Feld. Aus der Beobachtung gewonnene Beispiele dafür und Anmerkungen für eine künftige Verwendung.


Eine Revue.


Betrifft eigentlich das Theater als Form insgesamt. Der ganze Naturalismus hat die Bühne lahm gemacht und überfrachtet. In Revue, Burlesque und Vaudeville nimmt das Publikum ganz problemlos eine verlebendigte »Lyrik« hin. Hier sind Stilisierung, Verkürzung und Intensität möglich. Schädliche Beispiele eines »falschen« Gebrauchs: Thee I Sing, As Thousands Cheer etc. Gute Beispiele, die sich noch weiterentwickeln lassen: die didaktischen Stücke von Brecht; The Cradle Will Rock; The Dog Beneath the Skin.


Shakespeare.

Kommentar; Ideen für Film- und Bühnenproduktionen; Kritik an der zeitgenössischen Umsetzung seines Werks und der Haltung gegenüber seinem Werk auf der Bühne, im Film und in Buchform. In Filmen: die Verwendung von Bild und Ton als elliptische Kommentierung oder Entfaltung der Verse. Auf der Bühne: völlige Konzentration auf die Worte und die physischen Beziehungen. Geeignetes Beispiel: Der Faustus von Orson Welles (seinen Cäsar habe ich noch nicht gesehen). Auch auf der Bühne: Radikaler Einsatz einer burlesken Mischung traditioneller Idiome der Produktion, Konzeption und Lesart, die dazu dient, Kultur gleichzeitig zu verspotten, zu analysieren und zu zerstören.


Ein Cabaret.


Billige Getränke, Hot Jazz von der Schallplatte und gelegentliche Auftritte: »Nachtclub-Show«. Beispiele für solche Auftritte: von mir verfasste Monologe; verschiedene Nummern aus Erika Manns Peppermill; viel von Groucho Marx, Durante, Fields. Vielfältiger und intensiver Einsatz von Improvisation und Parodie. Kein Bühnenbild, keine Lichttechnik und nur improvisierte Kostüme. Scharfe, beißende Satire, »Vulgarität«, reine Komödie. Starkes Gewicht auf die Entwicklung von Stegreif-Auftritten; Einsatz des Publikums dabei.


Wochenschau. Filmtheater.


Das Filmtheater: 15–25 Cent, 42nd Street westlich vom Times Square, die ganze Nacht geöffnet. Das übliche Kunstfilm­theater-Repertoire stark reduziert, dafür mehrere Hauptfilme, die die Kunst- und Politikversessenen ignoriert haben, und mehrere Komödien von Harry Langdon und sämtliche von Buster Keaton. Grundlegende und regelmäßige Wechsel der »Richtlinien«, um beispielsweise eine Woche dem gesamten Schaffen eines bestimmten Regisseurs oder Stars oder Stils zu widmen. Sehr viel regelmäßiger als heute üblich Wiederaufnahmen aus einem bestimmten Grundstock: Chaplin, Cagney, Garbo, Disney, Eisenstein. Bei Stummfilmen wird der alte Projektor verwendet, der die richtige Geschwindigkeit hat. Gelegentlich Bühnennummern und Jazz-Musiker. Billige Bar, die außer Hörweite liegt. Absolut anti-künstlerisch und Anti-Schenkelklopfer. Sehr politisch, allerdings auf den zweiten Blick. Der Großteil des Publikums muss wegen der reinen Unterhaltung angelockt werden oder gar nicht.


Die Wochenschau: Einmal monatlich eine Woche lang. Einspielungen aus Wochenschauen, die so zusammengestellt sind, dass sie ein Höchstmaß an Satire, Aussagekraft und Komik erzielen, mit allgemein elliptischen Kommentaren und Ton.


Neuartige Bühnen-Leinwand-Show.


Einsatz der antirealistischen Revuetechniken in Kombination und Wechsel mit Film, dazu auch Radioelemente; frei assoziierend und unter Verwendung naturalistischer Symbole und verschiedener kraftvoller emotionaler und logischer Effekte anstelle von Handlung und Figurenzeichnung; organisiert wie Musik und bestimmte russische und surrealistische Filme. Direkteres Einbeziehen des Publikums, als mir bislang bekannt. Nicht für ein intellektuelles Publikum gemacht, sondern für eine Mischung von zwei anderen Typen: den Kleinbürgern und der großen breiten Masse. Eine solche Show sollte nicht mehr als 40 bis 60 Minuten dauern und die anhaltende Intensität und die Dimensionen eines größeren Musikstücks haben. Ich habe eine angefangen, ausgehend von der Sprechweise in Only Yesterday, und eine andere, über Mütter, in Planung.


Antikommunistisches Manifest.


Reiner Arbeitstitel. Zunächst Annahme und Erläuterung der ­Überzeugtheit von Ideen und grundlegenden Methoden im Kommunismus. Dann spezifische Darlegung seiner Irrtümer, Verfälschungen, Missbräuche, dem angerichteten, unter diesen Bedingungen unumgänglichen Schaden; dies womöglich mit Kommentaren zu Zitaten aus zeitgenössischem kommunistischem Schrifttum und Handeln.


Drei oder vier Liebesgeschichten.


Geschichten, deren Schwerpunkt ganz auf den körperlichen Vorgängen geschlechtlicher Liebe liegt. Sollten es »Kunstwerke« werden, wäre das Zufall.


Eine neue Art Sexbuch.


Am Anfang stehen Zitate aus aktuellen und älteren derartigen Büchern, eine Analyse ihres Nutzens, ihrer Mängel und ihrer Schädlichkeit sowie eine Einschätzung der Grenzen des vorliegenden Buchs. Dann eine möglichst vollständige Dokumentation und Analyse der persönlichen Erfahrungen von Kindheit an sowie von allem, was man über dieses Thema gehört, gelernt und gemutmaßt hat; Analysen und Ausführungen über Bedeutung und Macht von Sex und von sexueller Selbsttäuschung; mit allen verfügbaren Beispielen.


»Glamour«-Literatur.


Ähnlich wie oben bei den Liebesgeschichten liegt der Schwerpunkt hier auf der Dokumentation und Vermittlung von reinem Glamour und Vergnügen.


Pathologie der »Faulheit«.


Im Wesentlichen literarisch, aber vermutlich stark analytisch. Ihre Beziehung zu Angst, Unwissen, Sexualität, Missverstehen und Ökonomie. Eine Geschichte kumulativen Schreckens.


Eine neue Art von »Horror«-Geschichte.


Kein Schrecken wie oben, sondern jenes Grauen, das von Objekten und ihren Beziehungen und dem Klang einer Stimme etc. etc. kommen kann. Weder übernatürlich noch übertrieben.


Geschichten, deren ganzer Zweck die Vermittlung der Intensität von allgemeiner Erfahrung ist.


Konzentration auf das, was die Sinne aufnehmen und was Gedächtnis und Umstände daraus machen, sowie Begebenheiten wie ein Abendessen in der Familie, ein Ehestreit im Bett, eine Autofahrt, die in voller Länge ausgearbeitet werden.


Musikalische Verwendungen von Empfindung und Gefühl.


Wie zum Beispiel: A, ein Mann, kennt B, eine Frau, und C, einen Mann, sehr gut. Sie treffen sich. A ist ängstlich darauf bedacht, dass die beiden sich mögen. B und C werden auf verschiedene Weise abgelenkt und nervös gemacht. Alles ist stark, aber auf dezente Weise verdreht. Ihr Verhältnis zueinander ist komplexer, aber genauso starr wie das von Spiegeln, die mit nach innen gerichteten Spiegelflächen ein Dreieck bilden und sich gegenseitig reflektieren. Diese Mehrfachreflexion von Spiegeln in Bewegung entspricht den Strukturen von kontrapunktischer Musik. 


Die meisten Verwendungen wären subtiler und lassen sich schwerer beschreiben. Sätze aus gestauchten moralischen und körperlichen Gleichungen. Das wäre eine Form von Lyrik.


Sammlungen und Analysen von Gesichtern; 
von Nachrichtenbildern.

Die Gesichter kämen hauptsächlich von Nachrichtenbildern. 


Die hilfreichsten Betrachtungsweisen wären einmal eine mit, einmal eine ohne Vorkenntnisse zum Besitzer des Gesichts und zum Kontext. Die passendste Bezeichnung für eine solche Studie wäre ethnologisch, doch gehört dazu auch vieles, was Ethnologen nicht interessiert. Die Gesichter allein, ohne jeden Kommentar, haben einen eigenen Wert. Zu Bildern, die mehr zeigen als Gesichter, gehört auch mehr, und das hat mit Ästhetik und den grundlegenden »Philosophien« von Lyrik, Musik und Film zu tun. 


Eine Idee dabei ist: Kein Bild braucht eine Bildunterschrift und sollte auch keine erhalten. Aber getrennt davon dürfen Wörter verwendet werden, und zwar so, wie Ton und Bild mit- und gegeneinander verwendet werden. Und das Bild ließe sich als Ausgangspunkt nutzen, ein Thema für freie Variation und Entfaltung; so wie Briefe und mitgehörte Gesprächsfetzen.


Eine neue Form von Kurzfilm.


Eine Form von zwei bis zehn Minuten Länge, die viele Formen in sich enthalten kann. Durch Zeitverkürzung muss jedes Bild (genau wie jedes Wort in der Lyrik) über eine höhere Intensität und damit verbundene Spannung verfügen als gewöhnlich. Dieses Projekt ist in vieler Hinsicht ein direktes Gegenstück zu den schriftlichen »musikalischen« Verwendungen von »Empfindung« und »Gefühl«.


Überlegungen, wie sich »Kunst« wieder auf der Ebene eines 
menschlichen körperlichen Bedürfnisses ansiedeln ließe.

Über dieses Projekt kann ich nichts schreiben, ohne gleich sehr viel zu schreiben. Es ist jedoch, im Hinblick auf die Kunst in all ihren zeitgenössischen Auslegungen, ebenfalls stark anti-»künstlerisch«. Jede Verwendung von Film, Radio, Bühne, Phantasie sowie der Techniken von Psychoanalytikern, Rednern, Unterhaltungskünstlern und Unterhaltern, Predigern, Lehrern, Agitatoren und Propheten, die sich unmittelbar an das Publikum richten und ihm nicht nur etwas vorsetzen: und die auf – und gegen – ­Themen verwendet werden, die für das Publikum von elementarer ­Bedeutung sind. Wie die oben genannte Show zur Mutterschaft: eine umfassende, aber detailreiche Erklärung der zeitgenössischen Mutterschaft und aller Vorstellungen, die sie leiten und beherrschen.


»Prophetische« Schriften.


Auch hier die denkbar unmittelbarste, prägnanteste und spezifischste, schärfste Form direkter Ansprache, halbwissenschaftlich, halbreligiös; verfasst in der größtmöglichen menschlichen Intensität.


Dorothy Dix: die Stimme der Erfahrung.


Zunächst werden typische menschliche Situationen, gleich ob erfunden oder tatsächlich, entworfen: dann zu jeder die Gegenüberstellung von richtigen und falschen Beurteilungen und Ratschlägen. Wie in einem Brief bezieht sich der einzelne Fall also wieder unweigerlich auf das gesamte moralische und gesellschaftliche System und ist darin verstrickt; am wirksamsten ist der Angriff auf das Allgemeine durch den Einzelfall. Keine für Geschichte, Figurenentwicklung etc. verschwendete Zeit; man ist von Anfang an mittendrin, mit größerer Unmittelbarkeit und Intensität als in einem literarischen Werk: im Leben selbst statt in seiner Beschreibung.


Das Unbelebte und Nichtmenschliche.


In Wort, Ton, Film. Schlicht gesagt, der Versuch, die Daseins­formen und -zusammenhänge so weit als möglich zu ihren eigenen statt zu menschlichen Bedingungen auszudrücken: zur Erweiterung des menschlichen Bewusstseins und, wichtiger noch, um dessentwillen, was da ist.


Ein »neuer« Stil in der Verwendung von Phantasie.


Bei den Aufzeichnungen aus Alabama ging es darum, den Erfindungen des Verstandes zu misstrauen, und nichts zu erfinden. Eine andere Form relativer Wahrheit ist jedoch die Vorstellung eines Menschen von etwas, wovon er wenig oder nichts weiß und was er nie gesehen hat. In diesem Sinne ist Buenos Aires selbst weder wirklicher noch unwirklicher, als wenn ich oder irgendjemand anderes es mir genau vorstelle und davon als bloß vorgestellter Tatsache erzähle. Ebenso die Staaten Washington und West Virginia, die Vereinigten Staaten und Hot Jazz. Dies sind Beispiele für Projekte, die ich in dieser Weise angehen möchte.


Ein wahrer Bericht über eine Jazz-Band.


Die Verwendung der Alabama-Technik für die persönliche Be­kanntschaft mit einer Band.


Bericht und Analyse einer Kreuzfahrt: 
Vertreter der »Ober«-Klasse.

Eine der Alabama-Technik verwandte Technik wurde teilweise in Havana Cruise entwickelt, einem unter meinen Veröffentlichungen erwähnten Text. Ich würde sie gerne auf das Verhalten der wohlhabenderen Bevölkerungsschicht zum Beispiel bei einer Mittelmeerkreuzfahrt anwenden.


Porträts, Aufzeichnungen, Das Triptychon.


Nur das photographische Porträt ist gemeint. Anmerkungen und Analysen samt Beispielen zu den vielen Gesichtern, die jedes Individuum hat. Dass für das Porträt eines Menschen zehn bis fünfzig Photographien nötig sind, um die wesentlichen fünf oder drei oder das eine allgemeine Charakteristikum zu unterfüttern. Anmerkungen zu Komposition, Haltung und Beleuchtungs-­
»­Ästhetik« und zur »Psycho«-Analyse zeitgenössischer und jüngerer Idiome.


Das Triptychon: In der Wissenschaft gibt es Hinweise darauf, dass (jedenfalls bei Verbrechern und schweren Neurotikern) sich in der linken und rechten Gesichtshälfte das Unbewusste beziehungsweise das Bewusstsein abbildet. Also: möglich ist die ­Herausbildung einer Gewohnheit, eines Brauchs, wonach man von seinen Freunden, Verwandten etc. Triptychen machen lassen könnte: die linke Hälfte zu einem ganzen Gesicht gespiegelt; das natürliche ganze Gesicht; das Rechts-Gesicht.


Sammlungen davon in einem Buch, mit oder ohne Fall­geschichten.


Außerdem: von jeder Person zwei Grundporträts, eines naturgetreu, das andere ganz nach den Wünschen des Porträtierten; sammeln und veröffentlichen.


Außerdem: »ethnographische« Verwendung des Familien­albums. Von einer beliebigen Einzelperson, seine Biographie in Bildern von ihm und allen zu seinem Leben gehörenden Personen und Orten. Eine Sammlung solcher Biographien anonymer ­Personen, mit oder ohne Fallstudiennotizen und Analyse.


Stadtstraßen. Hotelzimmer. Städte.


Und viele andere Kategorien. Wieder die Absicht, diese gemäß ihren eigenen Bedingungen zu betrachten, nicht als Ausschmückung oder Stimmung in der Literatur. Und, oder: gemäß ihren Bedingungen und entsprechend den Bedingungen ­persönlicher Erfahrung. Und, oder: entsprechend den Bedingungen der persönlichen, mehrpersönlichen, kollektiven Erinnerung oder Vorstellung.


Eine neue Art photographischer Ausstellung.


In der Photographien zu einem organischen Sinn und Ganzen zusammen- und einander gegenübergestellt werden: eine Art statischer Film. Auf Wunsch wird das Szenarium zu einer solchen Ausstellung vorgelegt.


Der Diavortrag.


Heutzutage lässt sich ein Vortrag aufzeichnen und mit den Dias versenden. Die Idee ist, dass dies die Vitalität einer »Kunst«-Form erhält, als Zerstörer, Unruhestifter und Lehrer.


Eine neuartige »Musik«.


Das Feld des reinen Klangs ist ebenso weit wie das des reinen Bildes, und Klang lässt sich photographieren. Das Spektrum zwischen schlichtem Dokument und den entlegensten Bereichen von Verzerrung, Vergleich, Metapher, Assoziationen, des ins Ab­strakte gewendeten Einzelfalls ist beinahe genauso unbegrenzt. Unbegrenzte rhythmische und emotionale Möglichkeiten. Viele Kombinationsmöglichkeiten mit Bild, Instrumentalmusik, dem gesprochenen oder gedruckten Wort. Für Tonaufzeichnungen, Radio, Fernsehen, Filme, Lesegeräte. Daher: ein neues Feld der »Musik« in Beziehung zur Musik über etwas, so wie die Photo­graphie in Beziehung zur Malerei steht. Gewisse japanische Musik verweist auf diese Möglichkeiten.


Erweiterung des Schreibens; Verästelungen der Spannung; 
Schuberts Streichquintett mit zwei Celli.

Hierbei handelt es sich um Experimente, zumeist in Form der ­ge­­steigerten und maximale Spannung erzeugenden Satzperiode. Verästelung (und Weiterentwicklung) durch Entwicklungen, Wiederholungen, Beinahe-Wiederholungen, sich entfaltende Ge­danken, Assoziationen und Dissonanzen. Das Quintett: Hier und manchmal woanders scheint Schubert aus einem Bewusstseinszustand heraus zu komponieren, der sich von allen, die mir wo­anders in der Kunst begegnet sind, unterscheidet. Von diesen Erweiterungsexperimenten sind manche diesem verwandt, manche den späten Quartetten und der Klaviermusik Beethovens. Es soll versucht werden, ein Kontinuum herzustellen oder anzu­deuten.


Zwei Formen der Filmgeschichte.

Die erste eine Art Bibliographie, zu der auch andere beitragen würden: ein umfassendes Verzeichnis von Darstellern, Aufführungen, Szenen, Bildern, Sequenzen, allem, was mir aus irgendeinem Grund gefallen hat oder auf andere Weise wertvoll erschien.


Die andere, eine Erweiterung davon zu einer persönlichen Geschichte: mehr Erinnerung als Verzeichnis.


Neuuntersuchungen zum Wesen und zur Bedeutung von Liebe.

Dies wäre hauptsächlich ein Herantasten und Hinterfragen, eine Destruktion eingefahrener Gedanken und Einstellungen, die für ihre Macht, Schmerz zuzufügen, bezeichnend sind. Nicht nur von sexuellen, sondern auch von anderen Formen der Liebe, einschließlich der kollektiven und religiösen. Die Liebesgeschichten, das Sexbuch und Teile des Wörterbuchs und der Briefe fallen unter diese Überschrift.


Analysen von Fehlkommunikation; Entstellung von Ideen.


Wieder zu einem erheblichen Teil das Wörterbuch, die Briefe, persönliche Erfahrung, Tonaufzeichnungen schriftlich ­vermittelter Erlebnisse, Vergleich von ursprünglichen Schriften mit den Schriften von Schülern und Schulmeistern. In einer bedeuten­den Hinsicht wird jedes Verhalten und jede Erfahrung von Ideen beherrscht. Untersuchungen der Absonderlichkeiten von ­Missverständnissen, Fehlprägungen, psychologischer und sozialer Rückständigkeit etc., durch die jeder erstklassige Gedanke und die meisten konkreten Entdeckungen sich verändern und abgewertet werden und entgegen ihrer eigentlichen Ziele missbraucht werden.


Filmnotizen und Drehbücher.


Vieles, an sich Gutes und möglicherweise auch für andere Nützliches lässt sich auch ohne Kamera und Geld mit Sprache erreichen. Ich interessiere mich mindestens ebenso sehr für den Film wie für das Schreiben.


Ein »autobiographischer Roman«.


Dieser würde viele der genannten Formen, Ideen und Gedanken vereinen. Nur relativ kleine Teile davon wären literarisch (obwohl dabei viele literarische Verfahren genutzt werden könnten); und diese würden einer nichtliterarischen Analyse unterworfen werden. Dieses Werk enthielte nicht nur Worte, sondern auch Photographien und Dokumente.


Lyrik.


Darüber vermag ich nicht viel zu sagen; doch dazu gehören all jene komplexeren und intensiveren Erweiterungen, die immer wieder angedeutet wurden, sowie hauptsächlich Erinnerung und Phantasie. Auf lange Sicht ist das wohl wichtiger als alles, was ich aufgeführt habe; enthält aber viel davon.


Notizbuch.


Eine Sprechweise, eine Sammelform für alle vorstellbaren Arten von Erfahrungen, die sich auf irgendeine Weise, auf wissenschaftlichem Weg, mit der Phantasie oder sonstwie, dokumentieren und analysieren lassen. Zu einem solchen Werk könnte mehr als eine Person beitragen, und es ließe sich auch an andere weitergeben. Es wäre unabschließbar. Es würde im Laufe der Zeit einen enzyklopädischen Umfang erreichen oder sogar noch größer werden. Es würde als Loseblattsammlung veröffentlicht, so dass Leser Eigenes einfügen und alles nach ihrem Dafürhalten umordnen könnten. Ein solches Dokument sollte vielleicht am besten vom Staat oder von einer wissenschaftlichen Einrichtung veröffentlicht werden.


Mit einem Stipendium würde ich gerne Arbeiten wie die genannten fortführen. Meinen Schwerpunkt würde ich wahrscheinlich auf die Aufzeichnungen aus Alabama legen, den zweiten auf Filme, Klang-Musik und verschiedene Brief- und Bildersammlungen sowie verschiedene Experimente in der Lyrik. Ein beträchtlicher Teil der Arbeiten würde zusammen mit Mr. Walker Evans ausgeführt werden, der für einige der genannten Ideen oder ­Projekte verantwortlich oder mitverantwortlich ist.


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James Agee

James Agee

war Dichter, Journalist, Drehbuchautor und Schriftsteller. Er galt als einer der einflussreichsten Filmkritiker seiner Zeit und schrieb neben den Drehbüchern zu »The African Queen« und »The Night of the Hunter« u.a. den mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Roman »A Death in the Family« (»Ein Todesfall in der Familie«, 2009). In Zusammenarbeit mit dem Fotografen Walker Evans entstand der Band »Let Us Now Praise Famous Men« (»Preisen will ich die großen Männer«), ausgehend von einem Auftrag der Farm Security Administration, über die Lebensbedingungen von Farmpächtern im Süden der USA zu berichten.

Weitere Texte von James Agee bei DIAPHANES
James Agee: Da mir nun bewusst wird

James Agee

Da mir nun bewusst wird
Prosa, Skripte, Projekte

Übersetzt von Andrea Stumpf und Sven Koch

Gebunden, 240 Seiten

»Keine Zeit verschwenden für Geschichte, Figurenentwicklung etc.; man ist von Anfang an mittendrin: im Leben selbst statt in seiner Beschreibung.« Mit hemmungsloser Wucht hat James Agee sich in die amerikanische Literatur des 20. Jahrhunderts eingeschrieben. Durch seine Kompromisslosigkeit riskierte er immer wieder, nicht veröffentlicht zu werden, wie etwa im Falle von »Brooklyn ist« – mittlerweile ein Klassiker der New-York-Literatur, der in diesem Band ebenso enthalten ist wie verschiedene Erzählungen, Prosaskizzen, Entwürfe.

Nichts Geringeres als einen »Angriff auf das Allgemeine durch den Einzelfall« wollte Agee mit seiner Literatur führen: einer Literatur ohne Rückendeckung, zwischen überscharfem Tatsachenbericht, entblößender Parodie und klassischer »short story«, die sich voller Emphase selbst aufs Spiel setzt und in Filmskizzen und Plänen für Bücher ganz anderer Art neue Wirklichkeiten sucht. Ein Schlüsseldokument ist der ideensprühende Stipendiumsantrag »Projekte; Oktober 1937«: ein noch im 21. Jahrhundert Staunen erweckendes Porträt des Schriftstellers als medienkünstlerischer Avantgardist und eine wahre Fundgrube an Ideen, die man sich sofort jede einzeln ausgeführt wünscht.